Wild Duck – Empirische Philosophie der Mensch-Computer-Vernetzung

Seit Anfang 1999 schreibe ich eine Kolumne für das Informatik-Spektrum, die Mitgliederzeitschrift der Gesellschaft für Informatik. Die zum Teil „radikal subjektiven“ Artikel stießen auf erhebliche Resonanz und ich erhielt viele Leserbriefe. Heute ist alles abgeebbt – die Leser haben sich wohl an mich gewöhnt. („Können Sie bitte die Kolumne kürzer schreiben? Sonst weiß ich sogleich, wenn ich das neue Heft im Postkasten finde: Der halbe Vormittag ist weg. Das ist nicht schön. Aber ich muss sofort ans Lesen.“)

Da traf ich mich eines Nachmittags mit Hermann Engesser vom Springer-Verlag, der das Informatik-Spektrum herausgibt. Wir debattierten lange Zeit über viele Themen und schlossen an diesem Tag so etwas wie Freundschaft. Ich hatte angeregt, ein Buch über die Themen zu schreiben, die mich damals beschäftigten. Hermann Engesser akzeptierte „das Buch“ aus dem Bauch heraus, ohne eine Zeile zu kennen. Irgendwann schrieb ich die erste Seite. Ich nannte das Buch zuerst Lebenssinn-Design. Ich probierte viele Wochen, einen groben Inhalt festzuhalten. Mit der Zeit kristallisierte sich ein übergreifendes Thema heraus (Vorsicht! Ironie!):

Der einzige Feind des Profits ist der Manager und der Großcomputer wird die Welt retten.

Klingt merkwürdig gut, nicht wahr? Die Argumentation ist diese: Angenommen, ich wollte aus einem Menschen möglichst viel Arbeitsleistung herauspressen, mit allen Mitteln. Und angenommen, ich hätte alle Macht dazu. Wie würde ich es anstellen? Ich glaube, fast alle Menschen kennen die Antwort: Ein Mensch muss selbstvergessen fröhlich an einer herausfordernden Aufgabe sitzen, dann ist er im kapitalistischen Sinne profitoptimal. Leider gibt es Menschen, die das nicht wissen: Manager. Wenn nämlich Manager jemanden selbstvergessen fröhlich bei der Arbeit erwischen, geben sie ihm mehr Aufgaben dazu, weil sie Fröhlichkeit mit Unterauslastung assoziieren. Wenn also die ganze Welt in einem profitoptimalen Zustand wäre (wenn also alle kraftvoll fröhlich arbeiteten), dann würden die Manager diesen Zustand sofort durch Mehrarbeitsforderungen destabilisieren und zerstören.

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Nun kommt aber der Computer ins Spiel, in den die Manager zurzeit alle Arbeitsschritte von uns eingeben, um uns besser zu kontrollieren. Der Computer kennt bald jeden Handgriff von mir und zählt mit, wie oft ich Kaffeetrinken war. Was aber, wenn mein kontrollwütiger Computer alles, aber auch alles über mich wüsste? Dann müsste er erkennen, wann ich profitoptimal bin – wenn ich fröhlich an einer Herausforderung arbeite und glücklich wäre. Dann aber würde der Computer erzwingen, dass ich glücklich sein müsste und er würde die Manager zwingen, mich glücklich zu machen! Und da der Großcomputer von IBM nun für alle Zeit die ewige Wahrheit erkannt hat, wird er für alle Zeit garantieren, dass Menschen glücklich sind. Die Welt ist gerettet, weil nun die Vernunft maschinell an der Macht bleibt, ohne von Menschen verwässert zu werden.

Denn die ewige Wahrheit ist: Gute Menschen im philosophischen Sinne arbeiten auch am besten.

Sie merken vielleicht, dass alles ein bisschen ironisch gebrochen ist, aber viele Leser von Wild Duck haben alles bitter ernst genommen und mir ungläubige Leserbriefe geschickt. Bin ich so sehr ironisch, dass man es nicht merkt? Na, Wild Duck ist jedenfalls ein ganz verrücktes Buch geworden, ich war sooo glücklich, überhaupt ein Buch schreiben zu dürfen, da habe ich mich ausgetobt. Es ist so ausgelassen fröhlich wie die Grundthese und kritisiert fundamental und hemmungslos unsere normale Sicht auf Arbeit und Glück, die eher meint, man müsse sich für Leistung verbiegen! Aber man muss nur ein guter Mensch sein! Individuell! Jeder für sich! Und da Menschen sehr unterschiedlich sind, müssen sie auch jeweils anders glücklich sein. Und anders arbeiten! Das wollen Manager nicht, die das Einheitliche anbeten, weil es weniger Arbeit macht. Im Buch werden verschiedene Wege zum Glück diskutiert. Ich bespreche das an den verschiedenen Menschenarten, die der Psychologe C.G. Jung „definiert“ hat. Im Grunde ist das Buch eine Hymne auf das Glücklichsein in individueller Verschiedenheit. Es klagt das Gleichmachen und das Uniforme an.

„Wild Duck“ ist der amerikanische Name für Querdenker. Klingt wie Wild Dueck. Bei IBM habe ich „Wild Duck“ ein bisschen als Spitznamen. Als ich das im Springer-Verlag verriet, wussten wir alle wie vom Blitz getroffen, wie das Buch heißen müsste.