Psychothese: Deutschland als vorsichtiger Versager und planloser Rater

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Deutschland redet und redet dagegen, alles zerfließt in Kontroversen. Noch nie wurden so viele „Zahlenbeweise“ geführt und mit Statistiken gekämpft. Hitzig und feindselig ist es geworden. Die Fähigkeit, gute Lösungen zu finden, verkümmert. Nur unter größter Not wird fast willkürlich entschieden, weil es zwar genügend Zeit gab, vorbeugend Lösungen vorzuhalten, aber eben nur Krach und Chaos extremer Meinungen herrschte, die gar nicht auf Resultate aus waren.

Da fiel mir eine Studie aus der Psychologie ein, die ich vor langer Zeit (1999) in meinem Buch „Wild Duck“ zitiert habe. In dieser Studie wird zwischen „Vorsichtigen Erfolgreichen“ und „Vorsichtigen Versagern“ unterschieden. Ja, das ist es! Deutschland ist von einem zu anderen abgestiegen. Das will ich hier erläutern.

Ich las ein damals topaktuelles Buch von Guy Claxton. Es trägt den Titel „Der Takt des Denkens. Über die Vorteile der Langsamkeit.“ Toller Titel, oder? Stellen Sie sich jetzt kurz bildlich vor, was in diesem Buch besprochen wird. Nun schauen wir auf den amerikanischen Originaltitel: „Hare Brain – Tortoise Mind, How Intelligence Increases When You Think Less“ (1997). Ein Hoch auf die Übersetzer des Ullstein-Verlages!

Genug gezergt.


Quelle: https://stock.adobe.com/de/images/zeugnis03/1025316?prev_url=detail

In seinem Buch beschreibt Claxton Experimente von Malcolm Westcott vom Vassar College in Amerika. Westcott ließ Versuchspersonen einige Male „etwas erraten“. Die Versuchspersonen bekamen vor ihrer Entscheidung die Möglichkeit, sich sehr viele Zusatzinformationen zu erfragen. Beim Test wurde gemessen, wie oft die Versuchspersonen die richtige Lösung fanden, wie viel Zusatzinformation sie im Schnitt erfragten und wie sicher sie waren, als sie die Entscheidung trafen.

Es waren einfache Fragen, für eine Studie eben. Sie können sich ja sofort Fragen wie „Was tun beim Ausbruch einer Seuche?“ vorstellen, aber Sie dürfen nicht auf die schon existierenden Notfallpläne zurückgreifen. Sie haben zur Genüge gesehen, was bei solchen Fragen geschieht, jetzt wieder bei „Wie stark wollen wir frieren?“ Wir zerreden alles Monate lang und entscheiden uns unter Zeitdruck zu irgendetwas, was wir hassen. Zur Studie:

Westcott fand heraus, dass die Versuchspersonen gut in vier Klassen einteilbar waren.

„Vorsichtige Erfolgreiche“: Solche Personen fordern eine Menge Information an und brauchten längere Zeit für die Entscheidung, die dann zumeist richtig war. Erfolgreiche sind meist sicher, ob sie richtig liegen oder nicht., und haben damit Recht.

„Vorsichtige Versager“: Diese Gruppe forderte ebenfalls viel Information an, fand sich aber im Informationswust nicht zurecht, war unsicher und lag mit der Antwort oft daneben.

„Erfolgreiche Intuitive“: Diese Personen brauchten nur wenig Informationen und entschieden meist sicher und richtig.

„Planlose Rater“: Diese Gruppe forderte ebenfalls kaum Informationen an, schien aber mehr zu „raten“ als „intuitiv zu verstehen“ und landete mit den Antworten kaum Treffer.

Die Autoren himmeln natürlich die hohe Weisheit oder das ganzheitliche Denken an, das intuitiv und am besten blitzschnell die Wahrheit kennt. So aber denkt und arbeitet die Mehrheit in einem Volk nicht. Die ersten beiden Gruppen denken normal („Linkshirn“), die Minderheit der beiden letzten Gruppen entscheidet „systemisch“, was aber genauso schief gehen kann. Viele „Systemische“ neigen dazu, unsinnig simple Ideale als Lösung vorzuschlagen, die mit der Mehrheit nicht umsetzbar sind – worüber sie sich ständig bei der Mehrheit beklagen, damit sie sich selbst nicht hinterfragen müssen („Utopie-Syndrom“).

Ich komme zum Punkt: Deutschland ist langsam. Deutschland wälzt Akten und administriert Vorschriften. Entscheidungen werden unter unendlich vielen Diskussionen und Absicherungen getroffen. Irgendwann schält sich eine solide Lösung heraus. Man ist sich nun allgemein sicher, das richtige zu tun. Dann wird es umgesetzt. Alle ziehen mit. Beispiele: Der Leber-Plan zum Ausbau aller Verkehrsadern in Deutschland. Die Neudefinition der Bildung, der Bau von Gymnasien und Universitäten, beides in den 60ern/70ern.

Schauen wir heute in den Spiegel. Deutschland ist immer noch langsam. Aber: Könnten wir heute unter allgemeiner Zustimmung und aktiver Teilnahme solche gigantischen Projekte in geduldigen zehn oder zwanzig Jahren durchführen? Nein. Deutschland benimmt sich als Ganzes wie ein „Vorsichtiger Versager“. Es werden Meinungen, Informationen und Studien gesammelt, es wird gestritten und hin und her überlegt. Es geht mehr darum, es allen recht zu machen als gut zu entscheiden. Man hat Angst, sich bei falschen Entscheidungen schämen zu müssen. Das ist ein sehr schlechtes Zeichen! Exzellenz fürchtet sich doch nicht. In der Folge gelingt es deshalb kaum, Einigkeit zu erzeugen, aber jede Entscheidung – wenn es eine gibt – wird als schmerzhafter Kompromiss empfunden und auch so „verkauft“, damit er angenommen wird. Zufrieden ist man allgemein nicht, es fehlt auch der Glaube, auf dem richtigen Weg zu sein. War der Kompromiss sachlich richtig? Das weiß man erst später – aber wenn wir zurückblicken, haben wir insgesamt versagt. Keine Digitalisierung; kein Stirnrunzeln gegenüber Russland/China; keine Maßnahmen gegen den Fachkräftemangel, der sich schon lange abzeichnet, keine Sorgen über das Rentensystem, das bald bricht; kein Ernst beim Klimawandel, der nie Priorität hat.

Westcott’s Studie hat Einzelpersonen im Labor untersucht. Diese müssen die Folgen ihrer Entscheidungen nicht selbst tragen. Wenn ein Volk Entscheidungen trifft, muss es mit ihnen leben. Wenn der vorsichtige Versager in diesem Sinne immer länger rumwuselt, entscheidet er im Gegensatz zu den Menschen im Experiment lieber gar nicht – weil er sich unsicher fühlt und im Stillen weiß, dass es nichts Halbes und nichts Ganzes wird. Daher prokrastiniert ein vorsichtiges Versager-Volk, was im Experiment ja nicht geht. Irgendwann aber muss eine Entscheidung her. Jetzt. Muss! Sofort! Dann wird Deutschland mit Wumms zum planlosen Rater, es urteilt instinktiv, ohne einen guten Instinkt oder eine gute Intuition zu haben.

Denn: Vorsichtige Erfolgreiche arbeiten analytisch-logisch, eben nicht instinktiv/intuitiv.

Der Versuch, die Denkweise zu wechseln, nur weil es eilt oder weil jetzt gerade Wut hochkocht, muss schief gehen, aber immerhin ist jetzt eine Entscheidung getroffen. Wir hüpfen von Desaster zu Desaster.

Wut über den Krieg! Wut kocht: „Nichts mehr aus Russland.“

Normale Logik sagt, dass es dann zu wenig Gas/Öl gibt und die Preise steigen. Wie hoch können die Preise steigen? 2011 und 2012 waren die Preise von Öl so hoch wie 2022 nach Kriegsbeginn. Diese Entwicklung war klar vorhersehbar. Leider hat das Volk nicht beachtet, dass Gas aus Pipelines kommt und nicht so leicht wie Öl herangeschifft werden kann. Das hat die Wut übersehen. Die Wut wollte „ohne Russland“. Die feigen oder unkundigen Zitterpolitiker spurten, und so hatte ebendiese Wut Folgen: Wir sollen jetzt etwas frieren. Das gibt wieder neue und ganz andere Wut! Wer ist schuld? Logik: Wir alle haben kollektiv-instinktiv „ohne Russland“ gewollt. Wut ist nie schuld, Wut steigert sich bei Vorwürfen. „Habeck soll Gas holen.“ Habeck holt Gas. „Ohne Katar!“

Wir wollen nicht frieren! Dann kostet es einen Doppelwumms von 200 Milliarden. Man macht dafür ebenso viele Schulden und gießt Geld über alle aus. Ich frage: Kann man nicht einfach alle Leute durchchecken, ob sie wirklich bedürftig sind? Warum jetzt eine Gießkanne? Warum bekommt jeder etwas? Ich stelle zur Diskussion: Würden vielleicht 50 Milliarden reichen, weil eventuell nur ein Viertel der Leute wirklich Hilfe braucht? Mit dem Rest könnten wir das Klima retten, die Bahn, die Schulen oder die Digitalisierung…

Antwort: Die Daten zur Bedürftigkeitsfeststellung liegen in Finanzämtern, Grundbuchämtern, Rentensystemen, Banken. Die müssen sich erst ein paar Jahre lang streiten. Es geht außerdem nicht schnell, verletzt Privatsphären und – Leute! – es kostet Arbeit, weil es eben noch keine gescheite Verwaltungs-Admin gibt. Denn die unsicheren Vorsichtigen Versager sammeln noch Informationen, wie viel Digitalisierung und Datenaustausch genehmigt werden könnte, wenn überhaupt.

Da kommt mir die Idee zu einer psychologischen Studie: Wir lassen die Teilnehmer die Frage beantworten, ob sie ein Vorsichtiger Erfolgreicher sind oder ein Vorsichtiger Versager. Die Antwort steht wahrscheinlich schon sicher fest: Sie sind die Erfolgreichen. Denn jeder Deutsche fährt besser als der Durchschnitt und hat mehr Lebenserfahrung etc.

Ich möchte dagegenhalten: In so ungefähr jeder Studie (Bildung, Geschlechtergerechtigkeit, Klimaschutz, Verteidigungsentschlossenheit) rangiert Deutschland mit der Zeit zunehmend weiter hinten. So erfuhren wir, dass in etwa ein Drittel der Viertklässler die Mindestanforderungen in Mathe, Lesen oder Rechtschreibung verfehlt. In Bremen ist die Lage schlimmer, in Sachsen und Bayern besser. Was geschieht, wenn man Deutschland fragt, was zu tun ist? Man analysiert unendlich viele Zahlen, schiebt die Schuld auf Migrantenprozente, fragt sich nicht, warum es wo besser ist und warum. Streitparteien krakeelen, dass alles gut würde, wenn man ihnen viel Geld gäbe und noch mehr Geld, ein paar Milliarden, die schon nach vielleicht drei Jahren Arbeit an Vergaberichtlinien unter Bedingungen verteilt werden könnten, die einen Geldabrufversuch zuverlässig in Verzweiflung ersticken.

Vorsichtige Versager drehen und wenden alle existierenden und noch nicht existierenden Regeln und Vorschriften, Interessen und Meinungen so lange, dass sie bei einer Lösung auch nach Jahren versagen und alles vertagen, bis eventuell ein Verfassungsgericht sie zwingend auffordert. Auch das hilft nicht mehr, sie wenigstens schnell zu Planlosen Ratern werden zu lassen. Es passiert nichts. Niemand sorgt sich um den wachsenden Vorsprung von „Skandinavien“. Der Abstieg zu Vorsichtigen Versager geht weiter. Wir überstehen bald nicht einmal eine Vorrunde bei Vergleichen.

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21 Antworten

  1. Eine interessante Auseinandersetzung mit populären Arten der Entscheidungsfindung.

    Der Kritik an der Russland-Politik kann ich nicht vollends zustimmen. Die Problematik des Ukraine-Krieges ist komplex und die damit einhergegangenen Entscheidungen können nicht so einfach auf simples Wutbürger-Verhalten eingedampft werden.

    Wie hätten Sie als Kanzler oder Bundesminister entschieden?

    1. Nicht Wutbürger, sondern die ganze Öffentlichkeit wollte mit Russland Schluss machen. Gas abdrehen! Niemand hat den Bürgern kommuniziert, das Gas nicht wie Strom und Öl simpel woanders gekauft werden kann – weil es aus Leitungen kommt. DIESE Komplexitäten wurden einfach ignoriert, von der Regierung auch. Was rauskam, war völlig vorhersehbar – es war NICHT komplex. Die Regierung duckt sich vor der Mehrheitsmeinung, Wissenschaft/Logik etc. bleiben draußen. Die Fachleute schäumen ein ums andere Mal, oder? Der Ölpreis/Barrel liegt jetzt bei ca. 80 $, das ist weniger als vor dem Krieg. Aber, bitte, Gas ist wegen der Leitungen anders gelagert. Das hätte ich der Bevölkerung erklärt und damit auch eingestanden, dass wir abhängiger sind, als man dachte – was uns alle anderen Länder immer gesagt haben, wir aber ignorierten… Dann hätte ich langsam abgeschaltet und den Zorn der Presse ignoriert.

      1. Hallo,

        äh, wir haben doch so lange Gas aus Rußland importiert, wie es ging? — Rußland hat uns das Gas abgedreht, nicht umgekehrt.

        Es gab eine ganz kurze Zeit im Februar und März eine Fraktion (Rudi Bachmann & Co.) die gesagt haben, ganz schnell raus aus dem Gas, aber die Bundesregierung hat weiter Gas importiert.

        Ich kann Ihrem Gedankengang nicht folgen, weil meine Fakten andere sind als Ihre. Wie kommt das?

        1. Ich habe mich manchmal gefragt, wie naiv unsere Politiker doch sind.

          Da verbietet man z.B. Airbus weiter die Verträge zur Wartung und Lieferung von Flugzeugen an Russland zu erfüllen, beschwert sich dann, dass Russland die Lieferverträge für Gas nicht erfüllt.

      2. „den Zorn der Presse ignoriert“ – Vielleicht sehe ich es zu einfach, aber ich glaube in diesem letzten Satz liegt eines der größten Probleme. Aktuell wird vieles getan, und gerade diesen Zorn der Presse zu vermeiden. Andererseits sind ja angeblich nur schlechte Nachrichten gute Nachrichten (im Sinne von Auflage). Daher stürzt sich die Presse auch jeden noch so kleinen Paux pas. Daher ist eben nichts tun und nur andere kritisieren – was der Presse dann Futter liefert – eben das bequemste.

      3. Genau, das Problem ist doch:
        Erst verlangen die Politiker die freie Marktwirtschaft, alle müssen da kaufen wo es am billigsten ist (Medikamente gerade in China). Wenn dann aber irgendetwas in der Welt passiert was unseren westlichen (europäischen) Ansichten widerspricht, dann darf man da plötzlich nicht mehr kaufen (Sanktionen).
        Alternativen hat die Politik dann aber nicht zu bieten

      4. Natürlich hätten Sie das der Bevölkerung erklären können. Keine Frage. Verstanden hätten das jedoch nur diejenigen, die das auch schon vorher gewusst haben. Und sicherlich hat das so mancher Politiker schon versucht und wurde dafür von den (sozialen) Medien so niedergemacht, dass ein Beharren auf der korrekten Position politischem Selbstmord gleichgekommen wäre. Unsere Politiker bilden einen repräsentativen Querschnitt von vorsichtigen Versager, vorsichtigen Erfolgreichen, planlosen Ratern und auch ein paar erfolgreiche Intuitive werden darunter sein. Das Problem ist jedoch, dass unsere politische Kultur von vorsichtigen Versagern und planlosen Ratern, die ihr Publikum in den sozialen Medien finden, bestimmt wird und das es fast politischem Selbstmord gleichkommt, wenn man sich da nicht einreiht bzw. seine Missbilligung an die Öffentlichkeit trägt. Da muss man schon ketzerisch fragen, ob der Ausbau der Digitalisierung überhaupt noch wünschenswert erscheint. Wenn manche Kommentare zu uTube Videos zu den Relativitätstheorien anschaut, dann erscheint das Weltbild des finstersten Mittelalters im Vergleich dazu geradezu aufgeklärt. Und an Deutschland zu verzweifeln er’s heint mir auch zu kurz gegriffen, denn genau das werden diejenigen, die den Anlass dazu bieten (vorzugsweise die planlosen Rater unter ihnen) nur zu gerne mitunterschreiben.
        Im Übrigen braucht man die vorsichtigen Erfolgreichen für das Management der Fortschreibung der Entwicklung und die Erfolgreichen Intuitiven für das Management von Innovationen, während die Meinungsindustrie vom Zuspruch der vorsichtigen Versager (das sind diejenigen, welche immer glauben zu wissen, dass es so nicht geht) und der planlosen Rater (das sind diejenigen, welche immer glauben besser – und exklusiv – zu wissen, wie es ginge) lebt.
        Mir scheint, genau aus diesem Grund haben die modernen elektronischen Medien die politische Kultur und die Gesellschaft gekippt. (Wenn Feynman heute den Nobelpreis bekäme, wäre die Empörung auf Grund seiner frauenfeindlichen Maccho-Sprüche sicherlich grenzenlos.)
        Wir regen uns derweil über die Entwicklung auf oder spotten zumindest ein bisschen darüber, und indem wir das tun, verstärken wir die unselige Tendenz zusätzlich.

      5. Wenn man die erforderlichen Turbinen für die Verdichtung nicht mehr wartet so dass sie aus dem zertifizierten Betreibszeitraum rauslaufen bzw. sie so wartet, dass sie nicht zurück gehen, ist es eben irgendwann mit der Liefermöglichkeit vorbei. Naja, man kann dann wenigstens den schwarzen Peter verteilen.

        Aber das Problem haben wir ja nun nicht mehr, da jemand die Röhren gesprengt hat.
        No way back. Ich frage mich nur, wer davon am ehesten profitiert.

  2. Die wichtigste Information, die Politiker in Demokratien heute mit einbeziehen müssen, ist die voraussichtliche Reaktion der sozialen Medienuser. Fangemeinde & Gegner. Das ist die moderne(?) Form der Direktdemokratie nach Schweizer Vorbild, nur dass Minderheiten in der modernen Welt lauter sein können.

    Beispiele: Wir käufen von Übersee Fracking-Gas und aus Resteuropa Kernenergiestrom, in dem Wissen, dass wir den Winter ohne nicht durchstehen würden, und mit der Überzeugung, dass wir diese Technologien selbst wohl nachhaltiger bauen & betreiben könnten als unsere Lieferanten. Aber es zieht die Regel #1 (siehe oben). Wenn Ideologie schwerer wiegt als Wirtschaftlichkeit, ist man direktdemokratisch zur Taktik „Abwarten vielleicht wird es doch noch gut“ gezwungen. So und jetzt Shitstorm…

  3. Gerade die Meinungsmenschen haben zuweilen die eine versteckte Angst, mal etwas nicht zu können, und überspielen sie mit dem Zeigefinger auf andere, die nicht perfekt wären.
    Und ganz viel Information, die man aber nicht zu Entscheidungen oder Risikoanalysen, sondern zu Schuld-Vermeidung einsetzt. Wie in der Schule: Fürs „Fehlervermeiden“ gibt’s die Punkte.

    1. Wie immer liegt die Wahrheit in der Mitte. Gus Grissom hätte sicherlich gerne noch ein paar Punkte für‘s Fehlervermeiden vergeben. Aber da hatten sich die „was soll schon schiefgehen“-Apostel schon für fahrlässig und ökonomisch für reinen Sauerstoff entschieden.

  4. Heute ist wieder ein Gipfeltag in Brüssel. Dort werden sogar für viele Völker Entscheidungen getroffen, meist unterliegen sie sogar dem Prinzip der Einstimmigkeit.
    In diesem Sinne verstehe ich sehr gut, warum das Durchwursteln so weit verbreitet ist.

  5. Top Analyse und wissenschaftlich genaue Beschreibung dessen, was bei uns (und in Brüssel) leider abgeht, in so ziemlich jeder Beziehung/Thematik.

  6. Ich finde, Herr Dueck hat vollkommen recht, auch wenn diese Analyse etwas spät kommt. Denn diese jetzt herrschenden Praktiken des Wegduckens und Ignorierens existiert schon seit mindestens 20 Jahren gesamtdeutscher Politik. Wir wollen gar nicht über die Fehler der Vergangenheit reden, die Liste wäre endlos. Aber Besserung ist leider nicht in Sicht.
    Was mir auffällt, gerade auch bei vielen Kommentatoren nicht nur ín diesem Forum, ist die oft stattfindende Rechtfertigung des falschen Handelns und des Versagens in Politik UND Wirtschaft auf Grund irgendwelcher „Umstände“. Leider trifft das nicht zu. Da ich viele Monate im Jahr das hier stattfindende Geschehen aus dem außereuopäischen Ausland betrachte, habe ich die Möglichkeit, mit genug Abstand die hier propagierten „Realitäten“ zu betrachten. Ergebnis: es wird nicht besser, und aus Fehlern wird allgemein nicht gelernt. Schön, wenn man heute Herrn Spahn im Bundestag lauschen darf, der „Fehler“ der Bundesregierung anpreist, obwohl er weit gravierendere Fehler während seiner Ministerlaufbahn hingelegt hat. Was am meisten auffällt, wenn man nicht mittendrin ist, das in Deutschland eine Kultur gepflegt wird, die ständig alles zerredet, wie Herr Dueck so schön ausführt, und Fehler grundsätzlich nicht geahndet werden. Der krimenelle Manager bekommt eine satte Abfindung, der inkompetetente Politiker wird wo ander hin weggelobt. Oder hat Herr Scheuer etwa etwas zu befürchten.
    Also, will sagen, viele die hier kommentieren, sehen den Unterschied zum Rest der Welt nicht, wo es in Staaten mit ähnlichen Gewicht wie Deutschland entscheidungsmäßig und handlungsmäßig deutlich besser läuft, als in Deutschland. Außer natürlich in UK, die machens noch schlimmer. Aber, die Hoffnung stirbt zuletzt! Vielleicht stirbt die Hoffnung in Deutschland letztendlich mit der Gesellschaft!

    1. @ D. Harry: Die einen finden alles gut, die anderen finden alles schlecht und jeder fühlt sich bestätigt. Doch in der Welt der Schwarz-Weiss-Bilder liegen Negative und Positive alle gleich weit weg von der Realität.

  7. Insgesamt braucht es eine gute Mischung aus „vorsichtigen Erfolgreichen“ als auch aus „erfolgreichen Intuitiven“. Insbesondere in einer Krise ist es neben einer guten zügigen Abwägung auch wichtig möglichst schnell recht gute erste Maßnahmen zu treffen, die man beim vorliegen genauerer Betrachtungen ebenso zügig anpasst.

    Nur das erste benötigt Mut und das zweite dann Stehvermögen, Änderungen zu verargumentieren.

    Beides ist schwierig in einer zunehmend aktionistischen und meinungsstarken Welt.

  8. „Planlose Rater“ und weil wir immer mehr davon in der Politik und im Business haben, gibt es heute E-Scooter (Verkehrswende) oder Gorillas (Pleite), die dir in 10 Minuten die Tomaten vor die Couch bringen. All das unter den sinnfreien Buzzwords: Fortschritt, Nachhaltigkeit oder gar Digitalisierung.

    Es ist ermüdend. Vor- und Nachteile und ob es überhaupt nützlich oder wirklich nachhaltig ist interessiert kein Schwein mehr. Es wird einfach alles unkritisch runter geschrieben und mit einer Portion wokeness geschmückt.

    Wünsche ein gesundes 2023. Habe die Ehre.

  9. Wenn es nur das planlose Raten wäre.

    Hat man erst einmal die falsche Lösung geraten und sich darauf versteift, so bleibt man mit umso größerer Vehemenz bei der falschen Herangehensweise, je klarer die Evidenz für den Schwachsinn des eingeschlagenen Weges für alle offensichtlich wird.

    Ich glaube auch nicht, dass der „intuitiv Erfolgreiche“ tatsächlich über weniger Informationen verfügt. Vermutlich wird er über ein riesiges Kontextwissen verfügen, das es ihm erlaubt, die Relevanz einer Information gut abzuschätzen, sodass er vermeintlich mit nur wenigen zusätzlichen Informationen auskommt, die aber gerade den Unterschied ausmachen.

    Ein Schachgroßmeister, der nur einen kurzen Blick auf eine komplizierte Stellung wirft und sofort den Gewinnerzug sieht, wird i.a. vorher schon viele tausende von Schachstellungen betrachtet und analysiert haben. Das ist es, was es ihm erlaubt, aus den vielen möglichen Zügen die wenigen erfolgversprechenden herauszufiltern und aus der verbleibenden geringen Grundgesamtheit der möglichen Züge den besten Zug zu finden.

    In der Situation selbst wird es dann aber wie begnadete Intuition aussehen.

    Ein weiterer entscheidender Faktor ist wahrscheinlich eine ausgeprägte und schnelle Phantasie, gepaart mit der Fähigkeit, kleinste Unstimmigkeiten sofort zu riechen.

    So konnte vermutlich Oberst Petrow den Dritten Weltkrieg abwenden, als ein sowjetischer Satellit die Reflektion der aufgehenden Sonne auf dem Ozean als Raketenangriff der Amerikaner interpretierte und Alarm schlug.

    Er muss seine Vorstellung von einem nuklearen Überraschungsangriff biltzartig abgeglichen haben mit den ihm vorliegenden, kargen Informationen: Ein automatischer Satellitenalarm.

    Wieso, fragte er sich, würden die Amerikaner mit einer einzelnen Rakete einen Vernichtungsschlag einleiten, wenn doch der Gegenschlag sicher wäre?

    Das passte für ihn nicht zusammen, also löste er keinen Atomschlag aus, der natürlich seinerseits einen massiven Vergeltungsschlag der Amerikaner und damit eine epische Katastrophe ersten Ranges ausgelöst hätte.

    Man hat ihn übrigens nicht belobigt, sondern bestraft, weil er das System ziemlich blöd hat aussehen lassen.

    Will sagen, dass der „intuitiv Erfolgreiche“ wahrscheinlich mitnichten einfach so rät, sondern aus umfangreichen kognitiven Prozessen schöpft, die aber nur deshalb so schnell abzulaufen scheinen, weil sie lange vorher abgelaufen sind und als abrufbare Muster und Wahrnehmungsfilter unmittelbar verfügbar sind.

    Das sind, wie mehrfach hervorgehoben, natürlich nur Spekulationen, was die Allgemeinheit dieser Aussagen betrifft. In Einzelfällen kann ich sicher sagen, dass es sich genau so verhält wie beschrieben.

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