Handlungs-Chaos auf der Bühne – wie es uns gefällt

Twitter
Facebook
LinkedIn
XING

Was immer jemand vorschlägt, es wird möglichst empört mit Leidensbeispielen niedergemacht. Längere Lebensarbeitszeit? „Das kann ein körperlich Arbeitender nicht durchhalten.“ Zack! Meist ist damit die Debatte tot. Das vorlaut vorschlagende Maul ist gestopft. Elektro-Autos einführen? „Das kann sich ein Geringverdiener nicht leisten.“ Betretenes Schweigen. Heute steht Deutschland der Ukraine im Krieg bei. „Das darf aber nicht dazu führen, dass jemand darunter leidet, man muss uns von allen Kriegskonsequenzen entlasten“, so sagen viele beim Anschauen der Toten und Trümmer im zerstörten Land.

Quelle: Pixabay

Das Bewusstsein für Unrecht, Armut und Leiden ist durch die Debatten um Prekäres, Rassismus, Gender und Sprachkorrektheit eminent gestiegen, es wurde zu kritischstem Feingefühl. Fast jeder Satz und ganz bestimmt jeder gesellschaftliche Vorschlag wird nun gedreht und gewendet, ob sich darin eine Ungerechtigkeit auch winzigster Art finden lässt. Kein konkreter Akt ist mehr möglich, ohne dass seine negativen Unrechts- und Diskriminierungsfolgen lange diskutiert werden müssen.

Das ist gut und schlecht. Ja, wir brauchen ein schärferes Hinsehen für eine bessere Zukunft, aber wir müssen auch beherzt handeln können. Nach einer hinreichenden Diskussion muss etwas getan werden – etwas, was dann mitgetragen wird und eben nicht immer neu debattiert wird – sonst wird im Beispiel eines Neubaus während der ganzen Bauphase und danach immer noch um den Grundriss gerungen.

Was besonders stört in diesen Tagen: Das Klagen auch von Unbeteiligten und Nichtbetroffenen ist nun leider eine zu demonstrative und fast akademische Lieblingsgewohnheit geworden. Was stört, ist oft (nicht nur, das habe ich nicht gesagt – oft!) das Klagen um des Klagens willen geworden, um ein verfeinertes Bewusstsein zu zeigen – was manche fast als Hobby betreiben. Damit werden alle Handlungen verzögert und verwässert oder geradewegs gestoppt. Die wahrhaft Klagenden dringen unter dem Getöse der Hobbykritiker nicht mehr durch.

Ich frage: Was hilft es, immer und überall Haare in der Suppe zu finden, ja, finden zu wollen? Ist dadurch die Welt in der letzten Zeit besser geworden? Sammelt nicht gerade der wiederkehrende Trump Punkte, indem er seine Massen gegen Über-Woke aufwiegelt?

Ich schaue besorgt auf die „Medien“. Die Radionachrichten dauern meist etwa drei Minuten. Was ist wichtig zu erfahren? „Frau stürzt sich mit zwei Kindern vom Balkon.“ Dazu ein längerer Kommentar. Keine Zeit für wichtige Entwicklungen mehr. Die Medien scheinen auf Billigproduktion umgeschwenkt zu sein. Man zeigt Brände, Einstürze, Kriegsverwüstungen und Fluten, wenn es die gerade gibt. Für den Rest scheinen sich Reporter nur noch auf eine belebte Straße zu stellen und zwanzig Beliebige zu Unglücken oder Gesetzesvorschlägen zu befragen; sie filtern Tränen, Wut und auch herzerwärmend Törichtes heraus und senden ein „objektiviertes Stimmungsbild“.

Etwas Positives lässt sich kaum noch berichten, weil es ja viele andere Meinungen dazu gibt und weil diese nicht in angemessener Nachrichtenzeit in aller Vielfalt repräsentiert werden können. Das kann nur in krassem Widerstreit am TV-Abend betalkt werden.

Was will ich eigentlich sagen?

Wir schauen in der Masse dem präsentierten Leiden wie einem Serienkrimi zu, als wenn unser Leben ein Theaterstück wäre, in dem wir nicht vorkommen.

Wir applaudieren und buhen, wir verteilen Sterne und Dislikes, wenn wir von Ferne an Unglücken teilnehmen oder wenn wir Klimaprognosen als Science-Fiction konsumieren. Wir rufen auf die Bühne, um den Text zu verbessern, wir fordern das Ersetzen von Schauspielern durch uns persönlich Sympathischere. Wir sind stolze Versteher und Meisterkritiker.

Das alles darf uns nur nicht im eigenen Leben tangieren. Dafür haben wir eine flügelgestutzte Regierung, die uns allerlei Aktionen vorspielt, um zu demonstrieren, dass sie ihrer Rolle gewachsen ist. Sie schützt sich selbst vor Kritik, indem sie Neuschulden macht und uns immerfort entlastet. Wir haben nämlich gerade eine ständige Ausnahmekrise.

Twitter
Facebook
LinkedIn
XING

14 Antworten

  1. Ich hatte schon befürchtet, der letzte Blöde zu sein, der die andauernde Fokkussierung auf Einzelschicksale in den Nachrichten befremdlich findet. Danke für den Mut

      1. Ich hätte gerne die schärfere Version gelesen.
        Bei dieser Thematik kann man nicht genug provozieren – versuchen Sie mal zu duschen ohne nass zu werden… 😉

        Danke für den neuen DD.

  2. Es fehlt nicht an gemeinsamen übergeordneten Visionen, denen eine breite Mehrheit, bereit ist zu folgen und die sie verinnerlicht hat – das ist die wirklich positive Nachricht. Aber wie immer, nichts ist ohne Tadel – wie auch!

    Die Komplexität ist das Mittel oder oft Werkzeug, um auch bei bisher unwidersprochenem, Gegenstimmen zu finden oder mindestens zu erzeugen. Alle Mittel sind recht. Das Vehikel ist wenn gar nichts mehr geht die Emotion, Hauptsache Meinung, Tatsachen und Zusammenhänge spielen dann gerne auch gar keine Rolle mehr. Die Relevanz von Fakten, Tatsachen und Zusammenhängen wird mit einer nie gesehenen Akribie verwaschen gedehnt, überhöht, zerredet, verkehrt, in falsche Zusammenhänge gestellt und in die vorgefertigten dagegen Muster gezwängt.

    Es ist eine Kunstform geworden, die einen weil sie es nicht besser wissen und die anderen, weil sie es nicht besser wollen mit Halbwahrheiten zu ködern und Zusammenhänge bis zur Unkenntlichkeit zu verdrehen. Alles ist Politik, der Zweck ist, die Wirklichkeit zu verschleiern, etwas wahres zu verbergen hinter dem Geflecht aus Konstruktion und Komplexität – der Diskurs soll mindestens ermüden und zwar laut, wenn schon keine gewichtigen Argumente zur Verfügung stehen.

    Die Beispiele Ihrer Einleitung zeigen, Feinheiten oder kleinere Nachteile genügen, um das Große und Ganze komplett infrage zu stellen. Zack, mal kurz scharf hingesehen, Haar gefunden, Thema erledigt und beendet, es geht nur Schwarzweiß, entweder ganz oder Gar nicht!

    So richtig den Bezug zur realen Welt hatte ich damals noch nicht so direkt finden können, als ich 1984 gelesen habe – „Krieg ist Frieden! Freiheit ist Sklaverei! Unwissenheit ist Stärke!“. Spätestens seit Trump ist klar wie Verführung geht und selbst absurdes funktioniert über Wiederholung!

    Batterien sind schädlich für die Umwelt, der Klimawandel nicht menschengemacht, Atomkraft und Erdgas sind nachhaltig und Windräder töten Vögel, Putin will nur Russland vor Nazis jüdischer Abstammung schützen – Zack, Vision Nachhaltigkeit erledigt, Vision Demokratie und Freiheit erledigt, Thema erledigt! Wieso ist das absurd? Egal, Hauptsache der Zweifel ist gesät und einige werden ihn weitertragen und nutzen!

    PS etwas OT: In diesem Zusammenhang bin ich einem anderen Phänomen dieser Dissonanz und Visionen im Diskurs auf der Spur. Angst und Optimismus und Pessimismus, Veränderungen und Weiterentwicklung im Kontext der Konservierung bzw. des konservativen Wesens.
    Optimismus und Pessimismus sind so unvereinbar, dass sie nicht einmal verschiedene Antworten auf dieselbe Frage sind, sondern zwei nicht miteinander verbundene Fragen betreffen. Ein Pessimist fragt: „Was erwarte ich, was passieren wird?“. Der Pessimist, verharrt, wartet ab, erträgt die Zukunft. Ein Optimist fragt: „Welche Zukunft strebe ich an?“. Der Optimist hat eine Vision denkt positiv, neugierig und gestalterisch in die Zukunft! Pessimisten sollen daher z. B. Straßen reparieren und Lecks in Staudämmen stopfen, aber sie sind nie diejenigen, die diese Dämme überhaupt erst bauen. Und übrigens, Optimisten leben nachweislich länger und sind glücklicher.

      1. Scheint ein sehr tief gehendes Werk zu sein. Danke für den Link!

        Dass ist wohl die Herausforderung. Ein labiles „Gleichgewicht in einer sowohl bedrohlichen als auch ansprechenden Umgebung aufrechtzuerhalten“. Und diese Labilität des Gleichgewichts in Summe mit den persönlichen Erfahrungen etc. erklärt auch die Tendenz in Summe dann eher zum Optimismus oder Pessimismus zu neigen. Die (bewusste und unbewusste) Selbstsuggestion oder die Macht unserer Gedanken, können dann in der Praxis unsere Ängste, unser Denken und Handeln etc. bestimmen. Ganz abhängig auch davon, inwieweit uns die inneren Abläufe überhaupt bewusst sind oder wir gelernt haben damit zu agieren oder zu reagieren – was macht diese Erfahrung mit mir.

  3. Fast überall wird alles schlimmer und bricht zunehmend zusammen, alle schauen hin und zu und niemand packt das zugrunde liegende einfach mal an. Versagen allenthalben.
    (Schule, Jugendhilfe, Pflege, Gesundheitswesen, Bundeswehr, Lieferketten usw)
    Hauptsache wir sind geimpft!

  4. Lieber Gunter,
    Vielen Dank für die treffende Beschreibung eines Phänomens, das ich schon recht lange beobachte und das mich aktuell wachsend beschäftigt. Wir beide haben in amerikanischen Firmen gearbeitet, wo sich das Entschuldigen für alles, beinahe bis hin zur Entkräftung der eigenen Existenz, zum Guten Ton entwickelt hat. Ein ‚sorry’ für jede Bewegung in den möglichen Konzentrationskreis des anderes. Fernab von etwa ernst gemeinter Achtsamkeit oder Anteilnahme.
    Genau das ist meines Erachtens nach die fehlende Grundlage für eine ernstgemeinte Kritik oder ein echtes Hinterfragen oder auch für einen festen Standpunkt. Viel zu viel wird zur überflüssigen Floskel. VG, Klaus-Peter

  5. Ich hatte Herrn Dueck bisher auch eher als „Über-Woke“ empfunden, der auch gerne Haare in der Suppe findet, insbesondere, wenn diese nicht nach abgestandenem Sozialismus schmeckt. Aber Einsicht ist ja auch schon ein Erfolg.

    1. Da habe ich lachen müssen! Wahrscheinlich ist Ihre Wahrnehmung eher die Ursache als meine Woke-Haltung…Sie können uns die Freude machen, Ihr Statement eingehender zu erläutern, auch schon, damit ich mehr Einsicht zeigen kann. Haare in der Suppe: In den Nachrichten etc. häufen sich gerade Ansichten, dass die ganze Haarpracht in der Suppe liegt… aber man mault nur herum – ohne etwas zu tun.

  6. Hallo, ich nehme mal zwei Bespiele aus den Nachrichten der letzten Tage.
    * Mohammed Abbas‘ Beurteilung der Situation Israel – Palästina am Ende der Pressekonferenz am 16.08.2022 , die von ihm verwendeten Begriffe „Apartheid“ (richtig !!!) und „Holocaust“ (in D fehl am Platze) und die geifernde Kritik an Kanzler Scholz mangels einer fehlenden unverzüglichen Reaktion. Vielleicht hat sich „Scholli“ seinen Teil gedacht und wollte Abbas‘ Worte so stehen lassen wie gesagt. Das allgemeine Geifern lässt mich die Frage stellen: Bestimmt der Zentralrat Der Juden in Deutschland die Grundlagen unserer Außenpolitik?
    Ich vermisse bis heute einen wertenden, gerechten Kommentar, welcher beiden Seiten gerecht wird.
    * Interview mit Finanzminister Lindner im zdf-heute-journal am 10,08.2022. Er sprach von Hartz-IV-Empfängern (nach offizieller, gesetzeskonformer Sprachregelung heißt das immer noch ALG 2, egal wie man dazu steht) und von „Leuten, die ihre Bude nicht heizen können“. Letztere Formulierung ist unerträglich überheblich, passt aber zu unserem Finanz-Oberoligarchen.
    Eine Erwiderung, einen wertenden Kommentar habe ich nicht gesehen.

    Danke, Gunther Dueck, für Ihren DD. Ich werde ihn teilen.

  7. Wir leben im Zeitalter des großen Vereinfachens. Und da wird auch dann vereinfacht, wenn es nichts zu vereinfachen gibt. Das fängt schon bei der Anrede an. Während das „Sie“ ja durchaus noch nach persönlichem Verhältnis differenziert hat, gehen immer mehr Firmen zu einem platten „Du“ über, ohne dass das damit verbundene Vertrautheitsverhältnis gegeben wäre. Gut, es wäre zu verkraften, wenn es nicht ein besonderer Ausdruck des Vereinfachungswahns wäre.
    Die Presse bietet Vereinfachungen an, wo diese gar nicht möglich sind. Egal wie komplex ein Zusammenhang ist, Herr Meier hat immer Recht. Was soll ein Politiker bei Maybritt Illner antworten, wenn er gefragt wird: „Schlagen Sie Ihre Mutter immer noch?“ Sagt er „Ja“ ist er ein gesellschaftlicher Paria. Sagt er „Nein“, dann gibt er zu, dass er sie früher geschlagen hat. Auch Paria. Sagt er „Ich habe sie noch nie geschlagen.“ Dann ist er ein Lügner, denn der Frager hat ja schon bestätigt, dass er sie zumindest früher geschlagen hat. Pfui!!
    Es ist besonders dieser letzte Teil, der mir zunehmend auffällt: statt einer Nachricht gibt es immer erst mal eine Unterstellung. Dann hat man hinterher sowohl mit der Nachricht selbst, als auch mit deren Einordnung viel einfacher. Womit wir wieder beim Vereinfachen angekommen wären. Und die Politiker sind ja nicht dumm, sie lernen daraus. Klar das da ein „Bürgerentlastungspaket“ vom entlasteten Bürger zu bezahlen ist. Ehrlicher wäre es zu erklären, dass eine direkte oder indirekte Kriegsbeteiligung nunmal Geld (viel Gekd) kostet. (Ob sie sinnvoll ist oder nicht, steht da auf einem ganz anderen Blatt.) Jeder – so ziemlich ohne Ausnahme – möchte alles zum Nulltarif. Und macht sich damit im Internet zum Werbenarren und merkt nicht einmal, womit er bezahlt, und irgendwer mus es am Ende nunmal bezahlen, je nach Gesellschaftssystem sind es mal die einen und mal die anderen, aber immer die, die sich am schlechtesten dagegen wehren können.
    Wir brauchen dringend Regen. Aber bitte, liebe Regierung, nicht in meinem Urlaub. Na ja, wenn es unbedingt sein muss, meinetwegen. Aber nicht an meinem Urlaubsort.
    Und natürlich fahren wir demnächst alle Elektroautos. Die sind echt umweltfreundlich: Der Strom kommt aus der Steckdose und das Auto aus dem Laden. Alles ganz ohne CO2.

  8. Gute Zeiten erzeugen schwache Menschen und führen zu harten Zeiten.
    Harte Zeiten erzeugen starke Menschen und führen zu guten Zeiten.

    Zum Glück haben wir Kultur, sodass immer etwas der guten Zeiten übrig bleibt, damit sich „das Gute“ aufkumulieren kann.
    Leider wird die Kultur immer flüchtiger und oberflächlicher. Was soll davon noch bleiben? Der zivilisatorische Fortschritt hat möglicherweise schon eine Sättigung erreicht.

    1. Hallo Christian,

      genau so sehe ich es auch. Ich sage immer Deutschland ist permanent-satt. Und wer permanent satt ist, wird träge und faul.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.