DD279: Ich will sie sehen, vor denen ich Angst habe – darf ich? (November 279)

Wir besuchten eine kleine Wohnung eines syrischen Flüchtlings. Meine Frau arbeitet ein paar Stunden in der Woche für hier Gestrandete. Sie klagen, dass der Fußboden so kalt ist. Echt? Aha, sie gehen nach ihrer Kultur immer barfuß in der Wohnung, wir schauen etwas bekümmert auf unsere Schuhe hinunter, die sich in der plötzlich wahrgenommenen perfekten Reinlichkeit unpassend ausnehmen. Wir hatten einen Teppich mitgebracht, ach dazu ist er nun gut! Wir haben doch so viel Ungebrauchtes auf dem Boden liegen! Nun wird es wärmer sein. Die überwältigende Dankbarkeit macht uns verlegen, sie kochen uns Tee mit Zimt – wir reden und reden. Er erzählt: er stand im Haus an einer Wand, als eine Panzergranate einschlug, er wurde im Beton begraben, ein Oberschenkel zerschmettert, ein halbes Jahr Hospital – er trainiert hier eisern Fußball, er will wieder fit wie einst werden.

An der Wand hängt eine syrische Nationalflagge, darüber ist ein Deutschland-Fußball-Nationalmannschaftsschal gehängt. Die Wand ist mit Grammatikregeln der deutschen Sprache übersät. Wir stehen davor und lernen deutsch. Aha, alle Wörter mit den Endungen –keit und –heit sind weiblich! Das wusste ich nicht. Ich weiß nur, dass Schiffe im Englischen weiblich sind… Oh, auch schon wieder falsch? Die Tendenz geht zum Neutrum. Die Endung –schaft macht auch weiblich und „zum“ ist „zu dem“. Der Deutschunterricht scheint so exakt und dröge zu sein, wie – ach ich erinnere mich… Bestimmt lernen sie in den Lektionen etwas über Bismarck, so wie wir in Englisch mit den Pilgrim Fathers befasst wurden. Ach Leute, man müsste ihnen erklären, wie man zu viert eine S-Bahn-Fahrkarte nach Heidelberg zieht (Gruppenkarte!) oder welche Lehrstellen in der Gegend offen sind.

Um solche Fragen kümmert sich nun ein Arbeitskreis. Um die praktischen! Der Syrer, der jetzt unseren Teppich hat, hat im Gastgewerbe gearbeit. Für ihn gibt es ganz sicher Stellen, aber wohl keine Arbeitsgenehmigung. Unsere KFZ-Werkstatt fand einen Afrikaner, der ein echtes Händchen für Autos hat und bietet ihm sofort eine Lehrstelle – sie warten auf eine Genehmigung.

 

Wir fragen, was sie am dringendsten brauchen. „Habt ihr alles?“ Sie haben eigentlich alles, die Deutschen geben ihnen alles zum Leben. Was ihnen wirklich sehr fehlt, ist das Sprechen mit Deutschen, um schnell die Sprache zu erlernen und auch, um sich einzuleben. Sie bitten um Zeit für sie und um Gespräche mit ihnen. Sie leiden, dass sie wie Fremde angeschaut werden – ach, das Gefühl kennen wir sogar noch aus alten Zeiten, meine Eltern flohen aus Westpreußen, die meiner Frau aus dem Sudetenland. Neulich beklagte sich hier eine Einheimische, dass die Flüchtlinge auf der Straße immer zu mehreren herumgingen, eben das mache ihr große Angst. Sie traue sich kaum allein auf die Straße. Da lachten die Flüchtlingsbetreuer und klärten sie auf, dass die Flüchtlinge genau dieselbe Angst vor den Deutschen hätten und sich eben deshalb nicht allein auf der Straße aufhalten mochten. Welche irren Irrgläubigkeiten auf beiden Seiten, die nur deshalb entstehen, weil wir einander nicht kennen, und weil wir uns nur misstrauen, weil wir uns nicht kennen! Wir sollten uns deshalb schnellstens kennen lernen, als Mensch zu Mensch, von Kultur zu Kultur.

 

Und manchmal berührt es unser Herz: Beim Freitagstreffen der Flüchtlinge mit den hiesigen Helfern klopfte ein Mann an, der mit seinem vielleicht zehnjährigen Sohn einen Kurzbesuch abstatten wollte. Er sagte, er habe Angst vor Flüchtlingen. Er komme, um sie kennen zu lernen. Er wolle die Angst verlieren. Sie setzten sich und redeten für Stunden, sie spielten mit dem Kind…

 

Und ich stelle mir eine Bibel vor, in der steht: „Wer voller Angst ist, mache den ersten Besuch.“

Advent. Zeit des Ankommens. Zeit des Willkommens.