DD279: Ich will sie sehen, vor denen ich Angst habe – darf ich? (November 279)

Share on twitter
Twitter
Share on facebook
Facebook
Share on linkedin
LinkedIn
Share on xing
XING

DD279: Ich will sie sehen, vor denen ich Angst habe – darf ich? (November 279)

Wir besuchten eine kleine Wohnung eines syrischen Flüchtlings. Meine Frau arbeitet ein paar Stunden in der Woche für hier Gestrandete. Sie klagen, dass der Fußboden so kalt ist. Echt? Aha, sie gehen nach ihrer Kultur immer barfuß in der Wohnung, wir schauen etwas bekümmert auf unsere Schuhe hinunter, die sich in der plötzlich wahrgenommenen perfekten Reinlichkeit unpassend ausnehmen. Wir hatten einen Teppich mitgebracht, ach dazu ist er nun gut! Wir haben doch so viel Ungebrauchtes auf dem Boden liegen! Nun wird es wärmer sein. Die überwältigende Dankbarkeit macht uns verlegen, sie kochen uns Tee mit Zimt – wir reden und reden. Er erzählt: er stand im Haus an einer Wand, als eine Panzergranate einschlug, er wurde im Beton begraben, ein Oberschenkel zerschmettert, ein halbes Jahr Hospital – er trainiert hier eisern Fußball, er will wieder fit wie einst werden.

An der Wand hängt eine syrische Nationalflagge, darüber ist ein Deutschland-Fußball-Nationalmannschaftsschal gehängt. Die Wand ist mit Grammatikregeln der deutschen Sprache übersät. Wir stehen davor und lernen deutsch. Aha, alle Wörter mit den Endungen –keit und –heit sind weiblich! Das wusste ich nicht. Ich weiß nur, dass Schiffe im Englischen weiblich sind… Oh, auch schon wieder falsch? Die Tendenz geht zum Neutrum. Die Endung –schaft macht auch weiblich und „zum“ ist „zu dem“. Der Deutschunterricht scheint so exakt und dröge zu sein, wie – ach ich erinnere mich… Bestimmt lernen sie in den Lektionen etwas über Bismarck, so wie wir in Englisch mit den Pilgrim Fathers befasst wurden. Ach Leute, man müsste ihnen erklären, wie man zu viert eine S-Bahn-Fahrkarte nach Heidelberg zieht (Gruppenkarte!) oder welche Lehrstellen in der Gegend offen sind.

Um solche Fragen kümmert sich nun ein Arbeitskreis. Um die praktischen! Der Syrer, der jetzt unseren Teppich hat, hat im Gastgewerbe gearbeit. Für ihn gibt es ganz sicher Stellen, aber wohl keine Arbeitsgenehmigung. Unsere KFZ-Werkstatt fand einen Afrikaner, der ein echtes Händchen für Autos hat und bietet ihm sofort eine Lehrstelle – sie warten auf eine Genehmigung.

 

Wir fragen, was sie am dringendsten brauchen. „Habt ihr alles?“ Sie haben eigentlich alles, die Deutschen geben ihnen alles zum Leben. Was ihnen wirklich sehr fehlt, ist das Sprechen mit Deutschen, um schnell die Sprache zu erlernen und auch, um sich einzuleben. Sie bitten um Zeit für sie und um Gespräche mit ihnen. Sie leiden, dass sie wie Fremde angeschaut werden – ach, das Gefühl kennen wir sogar noch aus alten Zeiten, meine Eltern flohen aus Westpreußen, die meiner Frau aus dem Sudetenland. Neulich beklagte sich hier eine Einheimische, dass die Flüchtlinge auf der Straße immer zu mehreren herumgingen, eben das mache ihr große Angst. Sie traue sich kaum allein auf die Straße. Da lachten die Flüchtlingsbetreuer und klärten sie auf, dass die Flüchtlinge genau dieselbe Angst vor den Deutschen hätten und sich eben deshalb nicht allein auf der Straße aufhalten mochten. Welche irren Irrgläubigkeiten auf beiden Seiten, die nur deshalb entstehen, weil wir einander nicht kennen, und weil wir uns nur misstrauen, weil wir uns nicht kennen! Wir sollten uns deshalb schnellstens kennen lernen, als Mensch zu Mensch, von Kultur zu Kultur.

 

Und manchmal berührt es unser Herz: Beim Freitagstreffen der Flüchtlinge mit den hiesigen Helfern klopfte ein Mann an, der mit seinem vielleicht zehnjährigen Sohn einen Kurzbesuch abstatten wollte. Er sagte, er habe Angst vor Flüchtlingen. Er komme, um sie kennen zu lernen. Er wolle die Angst verlieren. Sie setzten sich und redeten für Stunden, sie spielten mit dem Kind…

 

Und ich stelle mir eine Bibel vor, in der steht: „Wer voller Angst ist, mache den ersten Besuch.“

Advent. Zeit des Ankommens. Zeit des Willkommens.

Share on twitter
Twitter
Share on facebook
Facebook
Share on linkedin
LinkedIn
Share on xing
XING

19 Antworten

  1. Steht es nicht da? Zumindest zwischen den Zeilen?
    Vielen Dank für dieses DD.
    Ich befürchte es wird wieder viel Widerspruch auslösen, wie fast immer, wenn Bürger sich für Flüchtlinge einsetzen. Es gibt immer die, die spüren, dass ihnen diese Zuwendung fehlt. Dann kommt das ungehemmte “Gutmenschen”-Bashing. Schade.

  2. Sehr schön, danke. Bei mir gilt mittlerweile das Motto einer engagierten Schuldirektorin aus Thüringen: “Ich diskutiere über Flüchtlinge nur noch mit Leuten, die selbst welche kennen.” Das macht das Leben sehr viel einfacher. 🙂 Und ja, Zeit haben die wenigsten Menschen zu geben, dabei ist das das Wichtigste und Wertvollste.

  3. …mal wieder sehr gut auf den Punkt gebracht. Meine Eltern kamen aus Pommern. Und ich ernte immer Unverständnis, wenn ich von den damaligen Flüchtlingen spreche…Miteinander, nur so werden aus Fremden Freunde.

  4. Ich mag die Spiritualität und die Menschlichkeit. Danke für diese theosophische Philosophie. Jetzt werde ich den Advent voller Liebe leben und Liebe geben. PACE

  5. Wir haben häufig Flüchtlinge zu Besuch. Wir nutzen zum Einstig die App: Duolingo. Als Ergänzung ist die App Tandem zu empfehlen.
    Ich erinnere mich oft an Gulled W. aus Somalia, der auf einem Bauerhof untergebracht war. Nach 6 Monaten sollte er nach dem Dublin 3 Verfahren in die Ukraine abgeschoben werden. Hier saß er 2014 5 Monate im Gefängnis und ihm wären beinah die Finger abgefroren. Er wollte auf keinen Fall dahin zurück und ist nach Norwegen, Schweden geflohnen. Hier hat er sich mit mehreren Bewohnern ein Zimmer geteilt und ist weiter nach Mexiko gereist und wollte weiter nach Honduras. Seit 2 Jahren gibt keinerlei Lebenszeichen mehr von ihm…
    Des öfteren höre ich von Politikern wir brauchen Nachwuchs, der demografische Wandel kommt. Gulled war 22 Jahre alt und wollte arbeiten… Es grüßt ein etwas nachdenklicher Alois Brinkmann aus dem Emsland.

  6. Hat der edle und gute Herr Dueck also einen Teil seines überflüssigen Krams einer armen Flüchtlingsfamilie überlassen, sich von denen die eigene Überlegenheit bestätigen lassen und dieses vorbildhafte Verhalten auch gleich mit der Welt geteilt, bevor er in den Advent jettet.
    Bevor aber die Vorbildwirkung greift, wären einige Fragen zu klären:
    1. Warum hat der Herr Dueck nicht seine Schuhe ausgezogen, als er die fremde Wohnung betrat? Oder ist das einem hohen Herrn nicht zuzumuten?
    2. Warum hat er den frierenden Menschen nicht gesagt dass Socken und Hausschuhe gegen Kälte vom Boden helfen? Oder steht da die Begaffung der exotischen Kultur wieder mal’ vor der Vermittlung der Vorteile der lokal angepassten Lebensweise?
    3. Wer wird denn nun im Alltag mit den Flüchtlingen reden? Der Herr Dueck selbst hat für sowas doch keine Zeit.
    Vermutlich werden jene ihren Alltag mit den Flüchtlingen verbringen die sich in denselben Warteschlangen anstellen weil sie dieselben Nöte haben. Die ihre Kinder in dieselben Schulen schicken weil sie sich die Besseren nicht leisten können. Die mit den Flüchtlingen zusammen leben, statt sich nur zwecks Imagepflege gelegentlich herab zu lassen.

    1. Selbst wenn einige Verhaltensweisen Herrn Dücks nicht optimal wären, so sind sie doch in der Gesamtheit deutlich mehr wert als hetzerische Kommentare. Die bringen nämlich weder den Flüchtlingen, noch den Helfern etwas, ja sogar den Hetzern selbst nichts.

      1. Wer Fremden begegnet und bereit ist, sich auf sie einzulassen und zu lernen, der handelt optimal. Chapeau Gunter Dueck!

        Wenn zu den Thesen im Kommentar von Gerhard etwas zu sagen wäre, dann dies: Die Thesen sind zwar anderer Natur, als die von Pegida, aber wie jene sind sie entweder einfach nur schlicht und dumm oder sie setzen auf die Dummheit derer, die angesprochen werden sollen.

  7. Hallo Gunter,
    wir könnten deinem Syrer vielleicht helfen, eine Stelle zu finden. Arbeitsgenehmigung kann man bekommen. Wir haben einem “Geduldeten” auch eine Arbeitsstelle in einem Restaurant besorgt. Nicht im Service, aber in der Küche. Frag doch mal nach, ob er zu uns in die XING-Gruppe “Job search for refugees”kommen will, dann können wir darüber Kontakt aufnehmen. Eine zweite Möglichkeit ist die REFascent App (kostenlos). Da kann er seine Einträge in der Muttersprache machen. Deutsche, die dann Kontakt aufnehmen wollen, die erhalten die Infos auf Deutsch. Infos gibt es auch auf Facebook und Twitter zu Job search for refugees.
    Gruß,
    Ria

  8. Sehr schön, wir friedvoll, Herr Dueck. Fast möchte ich glauben, dass unsere Welt heil wäre, aber nur fast. Auch, wenn die Adventsgeschichte hier ganz rührend klingt. Unsere Realität sieht aber leider vielfach ganz anders aus. Wir wollten gerne helfen und Flüchtlinge (sagt man das noch so, politisch korrekt?) einstellen. Sogar ein extra Programm wurde aufgesetzt. Dann kamen die ersten Bewerbungen, unterstützt durch jemanden, der beruflich dazu berufen war, Jobs zu vermitteln – und der den Entkommenen half, ihren Lebenslauf in passable englische Sprache zu übersetzen. Das klang gut, richtig vielversprechend. Nun denn, es sei. Lasst uns Interviews mit den Menschen halten, die zwar ihren Pass verloren, ihr Handy jedoch behalten hatten. Ein Beispiel (und von denen habe ich aus persönlichem Erleben viele!): ein Master of Computer Science einer syrischen Universität, man sehe es mir nach, dass ich die Stadt nicht im Gedächtnis behalten habe, Syrien ist groß und ich war da leider noch nicht. Der Fachkräftemangel, der viel beschworene, macht auch und gerade vor der IT-Branche nicht halt, das dürfte Ihnen, werter Herr Dyck, wohl bekannt sein. Oder war / ist es bei IBM noch anders?
    Egal. Gut ausgebildete Leute haben bei uns immer eine Chance, sei es aus Syrien, Afghanistan, Indien, Marokko oder Bulgarien. Nun kenne ich die Entwicklungen der syrischen Computerindustrie sowie die Lehrpläne der dortigen Universitäten nicht im Detail, ich gehe aber davon aus, dass selbst dort nicht mehr DOS oder Windows 3.11 gelehrt wird. Laut beigelegten Zeugnissen war der gute Mann auch mit veritablen Kenntnissen ausgestattet, höhere Programmiersprachen, tiefgehende Kenntnisse von Netzwerkarchitekturen, ein bißchen Big Data und ebenso ausgewiesener Storage Experte – Führungskraft, was willst Du mehr?

    Doch jäh platzte der Traum. Englisch war kaum einsetzbar, Deutsch schon gar nicht, obwohl ein wohlwollendes Zeugnis Deutsch B1 beschied. Mit Händen und Füßen am Telefon radebrecht es sich schwer, aber wir verstanden, dass der Bewerber in allen (!) abgefragtes Gebieten keinerlei Ahnung hatte, weder in dem einen noch dem anderen Fachgebiet. Vielleicht erlangt man ja in Syrien einen Masterabschluß auf Grund anderer besonderer Fähigkeiten. Zum Schluß des Interviews erhielten wir dann noch die Frage, wie oft es in unserer Firma Beförderungen gäbe. Nun, in diesem Fall keine.

    Das, werter Herr Dueck, ist die Realität und die gibt es nicht einmal oder zweimal, sondern hunderttausendmal im kalten Deutschland unserer Tage. Und sicher, frieren soll in Deutschland keiner. Und zur Not habe ich auch noch einen, wenn nicht gar zwei Teppiche übrig. Die nützen aber gar nichts, wenn von am Montag 15 ausländischen Hinzugekommenen zur Weiter-/Aus- oder was immer auch – Bildung am Freitag nur noch ganze zwei da sitzen und auch diese vor dem Mittag die Einrichtung verlassen haben. Weil, erstens fehlen dort die Gebetsräume und zweitens, die Sprache und die Art des Unterrichts sind nicht genehm. Außerdem ist die Lehrerin eine Frau und das geht schon mal gar nicht. Auch das ist aus eigenem Erleben bekannt.

    Insofern: zu Advent und Weihnachten Liebe zu üben, ist nicht das Problem. Die, die wir lieben sollten/wollten, wollen aber nicht. So was aber auch. Sie wollen viel, können jedoch nichts. Neulich wurde diskutiert, ihnen zuliebe doch einen Gebetsraum zur Verfügung zu stellen, da es – wenn auch nur eine Minderheit – so jedoch eine zu bewahrende Tradition wäre. Kann mich allerdings nicht erinnern, dass das für meinen evangelikalen Kollegen auch gefordert wurde. Der wird total schief angeschaut wenn er mittags am Tisch ein Tischgebet spricht, leise und verschämt. Irgendwie kann ich Pegida /AFD und wie das Pack und der dumme Pöbel nun gleichwohl wieder heißt, langsam verstehen. Und bitte: ziehen Sie das nächste Mal bei den syrischen Freunden die Schuhe aus, und wenn Ihnen ein älterer Mann mit einem jungen Mädchen unter 16 entgegenkommt – das könnte die Frau des Hauses sein. Die Welt ist bunt und wir haben uns (fast) alle lieb.

  9. Jenseits der Tatsache, das es genug echte Flüchtlinge gibt,
    für die man ruhig Gut-Mensch sein kann und sollte, gibt es wohl dann einige die dann doch eher, früher hätte man es wohl,rüber gemacht genannt sind.

    Aber was solls Mmm…löcher gibt es überall.

    Misst man da immer mit dem gleichem Maß?

  10. Erstaunlich: In diesem Jahr kamen über 70 Prozent der Flüchtlinge ohne Pass zu uns. Ich bin in vielen Weltgegenden gewesen, und das Allerwichtigste, das ich bei mir trug, waren immer meine Notizen und mein Pass – sie zu verlieren, war meine größte Sorge. Ich kenne genügend Staaten, die nicht lange fackeln, wenn sie einen Fremden ohne Pass aufgreifen. In keinen Staat dürfen sie ohne Pass oder entsprechende Ersatzpapiere einreisen – in vielen benötigen sie zusätzlich ein Visum. Erstaunlich: Fast alle jugendlichen und erwachsenen Flüchlinge in Deutschland sind im Besitz eines Smartphones. Die fehlende Idenifizierungsmöglichkeit führt

    1. zu einem unkalulierbaren Sicherheitsriskio
    Terroristen bzw. “Gefährder” werden nicht erkannt. Genausowenig Kriminelle (Diebstahl, Körperverletzung,
    Vergewaltigung und Sozialbetrüger). Teilweise kann noch nicht einmal die Nationalität einwandfrei festgestellt werden.
    2. Eine gerechte und korrekte Prüfung auf Asyl ist unter diesen Umständen nicht möglich. Zusätzlich werden unsere Behörden bei Alter, Schul- und Ausbildung belogen.
    3. Integration auf solch unsicheren Angaben (über 70%)
    führt sowohl im Berufs- und auch Privatleben zu negativen Erfahrungen und Ergebnissen.

    Ohne Lösung der Identitätsproblematik ist keine sinnvolle Flüchtlingspolitik möglich. Gesundheit und Leben der einheimischen Bevölkerung wird grob fahrlässig gefährdet (12 Menschen haben dies gerade in Berlin mit dem Leben bezahlt) und in diesem Klima von Unsicherheit und Terror wird es auch immer schwieriger
    den Menschen zu helfen für die das Asylrecht geschaffen worden ist.

Schreibe einen Kommentar zu Anonymous Antworten abbrechen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.