DD282: Sag es blitzkurz, aber auch multiperspektivisch! Sonst fällst Du unter die Trigger-Gringos

Heute will niemand mehr als ein paar Zeilen lesen. Sonst schafft man die vielen Posts und Messages nicht mehr. Das stellt den Mitteilenden vor das Problem, alles ganz kurz ausdrücken zu müssen. Eine Zeile ist optimal, fünf Zeilen können gerade noch toleriert werden.

Im Business wird gelehrt, Mails nicht länger als acht Zeilen zu halten, mehr liest ein Manager nicht, der sich als „Entscheider“ versteht. Lange Mails bleiben deshalb in seiner Inbox liegen, bis der Sender vor Zorn anruft – dann lässt sich der Entscheider die Sache in einer Minute erklären und kommt um das mühsame Lesen herum. Wichtige Menschen verlangen grundsätzlich „Executive Summarys“.

 

Im Netz aber lesen so viele Leute (speziell „Freunde“) unsere Kurzmitteilungen mit. Jeder sieht den Inhalt aus der Sicht seiner Filterblase, und ach so viele lauern darauf, dass sie eine Art Stichwort für ihren Einsatz finden, um sofort loslegen zu können. Ich nenne sie hier einmal Trigger-Gringos.

 

„Ich esse Zimtsterne!“ Kommentar: „Komm in unsere Cumarin-Selbsthilfegruppe!“ – „Ein Mann grüßt einen anderen Mann.“ – Kommentar: „Wieso ist da die Frauenquote so klein?“ – „Wir grillen heute Schweinesteaks.“ Kommentar: „Bist du ein Kannibale?“ – „Ich trinke gerne Inländer-Rum.“ Kommentar: „Du fremdenfeindlicher Stroh-Kopf!“ – „Habe gerade kein Geld.“ Kommentar: „BDG für alle!“ oder „Geldwirtschaft und Zinsen abschaffen!“ – „Ich spende für X.“ Kommentar: „Dumm, spende für Y.“ oder „Pfui Teufel, hier öffentlich damit anzugeben!“ – „Wir kochen was Gutes zum Fest.“ Kommentar: „Wo so viele hungern! Möge dir alles im Hals steckenbleiben.“

 

Trigger-Gringos (kann man auch Gringa sagen?) warten überall und ständig auf ihren Einsatz. Ich stelle sie mir vor, wie sie die Massen von Posts in ihren Timelines hastig scannen, bis sie sich gestochen fühlen. „Mein Trigger! Mein Einsatz!“ Dann wird sofort gebasht, ganz kurz und kackig, oder inbrünstig manieriert. Unter den vielen Trigger-Gringos ist es gar nicht einfach, irgendeine Message abzusetzen, die kurz ist, etwas aussagt und nicht sofort gebasht wird. Überall warten die Gringos wie Zecken und fallen auf jedes Wort. Sie zetteln sofort Streit an und batteln mit Kriegsrhetorik…

 

Jeder Post kann unter zig Perspektiven und aus unglaublich vielen Filterblasen heraus gesehen und im Notfall missverstanden werden – und zu jeder Perspektive lauern spezialisierte Trigger-Gringos auf Beute. Werden die denn nicht müde? Natürlich! Oder vielleicht schon, aber es treten immer wieder neue an ihre Stelle. Ihre Unzahl ist das Bedrückende. Wenn also ein Post von tausend Leuten gesehen wird, dann lesen die meisten alles so, wie es gemeint ist, aber in wohl so zwanzig von ihnen zuckt ein Trigger, provoziert oder evoziert einen Kommentar und schubst damit den Post zur Seite, zieht ihn nieder oder schießt ihn in eine andere Galaxie.

 

Wie können wir noch Diskurse im Netz betreiben? Gute Diskussionen kommen doch langsam zu einem gemeinsamen Punkt oder zu einem tieferen gegenseitigen Verständnis differierender Sichtweisen. Das scheint kaum noch zu funktionieren, wenn immer neu erscheinende und ganz unbeleckte Trigger-Gringos jede Diskussion unermüdlich auf die allererste Anfangsstufe zurückziehen, auf der sich die Seiten noch feindlich gegenüberstanden. Diese Heerscharen von sporadisch „spawnenden“ Trigger-Gringos übernehmen die unendlich zersetzende politische Funktion des Seehoferns, alles ständig wieder auf Null zurückzustellen.

 

Diskurse sind oft mühsam, Einigen ist nicht einfach. Trumpen dagegen ist Fun. Die Diskurse aber brauchen wir doch als Vorstufe des Handelns und Fruchtbarmachens! Und wenn dann Politiker ausnahmsweise wirklich handeln, dann wirkt das wieder wie ein Posting: es wird sofort drauflos gebasht. Nichts ist so gut zu bashen wie eine Handlung, weil sie fast immer kompromissbeladen ist und daher ganz grundsätzlich kritisiert werden kann – von fast jeder Seite! Wer mag da noch handeln?

 

Ist das Bashen alternativlos?