DD285: Künstliche Partner, Eltern, Chefs und überhaupt (Februar 2017)

Künstliche Intelligenz ist in aller Munde. Viele Leute beobachten Ameisen, wie sie mit sehr einfachen Arbeitsregeln größere Haufen hinbekommen als intelligentere Wesen. Ich habe manchmal den Verdacht, dass das Nachprogrammieren von Menschen vielleicht auch nicht so schwierig ist.

 

Wir könnten mit automatischen Beifahrern beginnen. Die zucken immer, wenn man bremst und helfen beim Fahren, indem sie hilfreich verbal aktiv werden: „Es ist rot. Oh, du bremst scharf. Da kommt ein Radfahrer. Jetzt ist es gelb. Grühühn! Du musst aufpassen. Hier ist aber 30. Ich glaube, sie blitzen hier. Hui, bist du nahe an dem vorbeigefahren. Ich glaube, wir müssen abbiegen. He, abbiegen! Was heißt Navi, ich kenne mich aus. Siehst du, jetzt sind wir in der Fußgängerzone. Ich fahre da immer ein kurzes Stück über einen Supermarktparkplatz, den Trick kennt das Navi nicht. Vorsicht! Pass doch auf. Aaaah! Wie, du bist erschrocken? Ich selbst bin erschrocken, ich habe uns durch meinen Urwaldschrei gerettet, hör mal, sag mal danke…“

 

Oder mit dem automatischen Erziehen: „Der Löffel wird sittsam zum Mund geführt. Keine Ellbogen auf den Tisch! Was heißt Papa, der ist erzieherisch verloren. Ihr sollt einmal etwas Besseres werden als wir. Pass mit der Soße auf, sieh mal, du hast gekleckert, ich habe gesagt, halte die Gabel andersherum, sitze gerade. Man sagt nicht, dass es nicht schmeckt. Es ist gut, alles gern zu essen, heute gibt es immerhin Fleisch, das leisten sich nicht alle Leute. Nein, die sind nicht arm, sondern vegan. Wisch dir die Nase nicht mit der Tischdecke ab, dein Papa sollte auch einmal etwas dazu sagen, aber er schweigt. Das hilft absolut nicht. Es ist, als wäre er nicht da oder eine Essmaschine. Da bleibt das Erziehen an mir kleben. Ich mag nicht erziehen, man sagt tausend Mal dasselbe, immer dasselbe. Man könnte mich auch durch einen Automaten ersetzen. Nur das Kind reagiert immer anders auf dasselbe. Das ist ein Zeichen, dass die Erziehung noch nicht zu Ende ist oder nicht geglückt. Am Ende muss das Kind berechenbar agieren. Sonst wird es der Chef später nicht mögen. Die wichtigste Eigenschaft des Menschen ist zuverlässiges Funktionieren.“

 

Kinder sind dann doch etwas komplexer als Partner, aber Hunde? „Sitz, Platz. Platz! Gut, dann bekommst du nichts. Platz! Platz, verdammt. Hunde müssen vollkommen regelhaft berechenbar behandelt werden, sie funktionieren dann sehr gut. Bis es so weit ist, muss man sich selbst trainieren, immer dieselben Kommandos zu erteilen. Ich habe jetzt eine App, die mir den Dialog mit dem Hund vorschreibt. Ich habe eine Kamera am Kopf und ein Mikro. So lange ich den Hund anschaue, ist die App perfekt. Man müsste dem Hund einen Selfie-Stick auf den Rücken schnallen, dann kann er vielleicht allein mit der App zurechtkommen.“

 

Oder automatisches Führen und Motivieren: „Wir haben mit unserem Beschluss, ab nächstes Jahr Weltmarktführer zu sein, ganz eindeutig die Weichen auf Marktdominanz und Wachstum gestellt. Diese Strategie ist klar verständlich und deshalb leicht umsetzbar. Wir sind gut gegen den Kunden aufgestellt, unser Facebook-Auftritt wird täglich mehrmals frequentiert. Damit ist unser Unternehmen voll digitalisiert, nachhaltig und öko. Den Rest sparen wir uns, das ist Teil des Restrukturierungsprogramms und des Kostensenkungsplans. Es ist nun an Ihnen, den Mitarbeitern, alles genauso umzusetzen wie wir es den Investoren versprechen mussten…“

 

Die Flachbildschirmrückseitenberater bei den Banken oder dem PKW-Vertrieb sind ja schon von Software gesteuert. Sie googeln für uns in Wertpapierlisten oder Auto-Konfigurationen und lassen uns an ihren Selbstfindungsprozessen vor dem Computer stockend und bruchstückhaft teilnehmen. „Ich weiß nicht, ob bei diesem Modell ein Motor inklusive ist, ich versuche das herauszufinden. Moment. Aha, nein doch nicht. Wir haben nun ein Menu in anderen Farben, weil uns das motivieren soll. Dieses Problem mit dem Motor hatte ich noch nicht, aber das ist nicht ungewöhnlich, ich habe immer neue nach den Updates. Es ist schon schön deprimierend. Ich gebe hier immer etliche Minuten lang Daten ein und dann sagt der Computer einfach, was ich tun soll. Zack! Ganz schnell. Aha, ich lese es Ihnen am besten vor, es hat keinen Sinn, es Ihnen zu erklären, weil man nicht verlangen kann, dass ich das selbst noch verstehe…“

 

Die Idealisten erschauern vor dem Gedanken an menschenähnliche Roboter. Sie stellen sich das Maschinisieren zu komplex vor, obwohl sie immer predigen, ein Leben nach ihren ganz hohen und klaren Idealen sei sehr einfach. Es ist auch sonst sehr einfach. Man sprach von Eheroutinen schon vor der Existenz der IT. Meetings laufen nach Mustern ab, Politik hält sich an Riten, Religionen bemühen sich um Zeremonien und Rituale. Das Leben soll sich am besten in einer Bahn bewegen, sagt man und ahnt, es wäre ein Hamsterrad. Alle rufen immerfort nach Regeln und Gesetzen, wenn etwas außerhalb der Bahn passiert. Merken wir denn nicht, dass schon ganz schön vieles sehr künstlich ist – und dass wir das ausdrücklich so wollen?