DD286: No-Frills-Big-Data – Klage über Billigstatistik oder Low-Budget-Lean-Brain-Studien (Februar 2017)

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DD286: No-Frills-Big-Data – Klage über Billigstatistik oder Low-Budget-Lean-Brain-Studien (Februar 2017)

„No frills!“, sagt man im Jargon der Manager. „Kein Schnickschnack!“ Es geht um das Einsparen von überflüssigen „Rüschen“. Der Belag der Smart-Class-Snacks wird immer dünner, ich habe neulich das „Sandwich“ aufgeklappt – es war Käse drin, tatsächlich, aber kein Salatblatt mehr oder gar eine leckere Creme. Zum Weltspartag gibt es wahrscheinlich bald nur noch Rubbellose wie bei der REWE, wozu man sich nur wieder einmal irgendwo einloggen muss. Das Convenience-Food auf den Konferenzen wird immer einheitlicher: Ravioli, Fisch, Huhn – neuerdings Currywurststücke in viel Sauce und Brot. Kein Schnickschnack! Man geht schließlich auf die Konferenzen, um etwas zu lernen und an den Ständen umworben zu werden, und die hohen Eintritte sind doch ganz bestimmt nicht für Ablenkessen gedacht.

 

Mir kommt es nun so vor, als würde diese Sparhaltung auch in die Analyseabteilungen der Unternehmen einziehen, die wichtige Entscheidungen auf immer dürftigerer Datenbasis vornehmen. Früher gab es ja noch so genannte repräsentative Umfragen, die viel Mühe machen und entsprechend Geld kosten und ihre Zeit brauchen. Heute lässt man über die Vergabe von Bachelor-Arbeiten Billigstudenten schnell mal Umfragen unter Experten machen. Die rufen bestimmt über hundert Leute an, aber die echten Experten antworten nicht wirklich, weil sie keine Zeit haben oder schon wissen, worum es geht. „Irgendwer“ antwortet dann doch, und daraus macht man eine Statistik. Sind Sie auch so jemand, der bei Bachelor-Arbeiten mithilft und Studenten zu Akademikern promotet? Die Studenten scheinen nur noch Fragebogen wild in der Welt zu verteilen und die zufälligen Antworten als „Studienergebnis“ auszugeben.

 

Neulich wurde ich auf einem Flughafen gebeten, einen Fragebogen für so eine Bachelor-Arbeit auszufüllen. Wir saßen ja alle am Gate und warteten, und die junge Dame bat so nett. Erste Frage: „Wann begann ihre Reise?“ Ich fragte sie, was sie damit meine. Ich war ja auf der Rückreise. Meinte sie, wann ich daheim aufgebrochen war oder wann ich heute Morgen im Hotel auscheckte? „Oh, das fragen so einige, das ist nicht klar, stimmt.“ Ich erwiderte, dass auch einige anderen Fragen genauso schlecht gestellt seien. Sollte sie den Fragebogen nicht überarbeiten? Das hatte sie erwogen, aber ihr Professor meinte, sie solle es zu Ende bringen, es sei zu viel Arbeit, alles noch einmal solide auszuarbeiten. Die Fragebogen waren schon gedruckt. Pech für die Wissenschaft.

 

Ach, so habe ich mich auch bei Fragen in Unternehmen, bei Umfragen zu Produkten und bei irgendwelchen Kennzahlenabfragen gefühlt. Wer bitte fragt denn das und warum? Warum kann ich so viele Fragen nicht verstehen und warum muss ich sie unbedingt nur irgendwie beantworten, damit etwas dasteht, um in einer sinnlosen Statistik verwurstet zu werden?

 

„Ich brauche Zahlen, die meine Businessvorschläge unterstützen. Besorgen Sie welche.“ Oh, man würde doch denken, Zahlen würden die Qualität der Entscheidung erhöhen und nicht einfach einen vorher gefassten Entschluss stützen. Die Billigstatistiken sind aber wirklich meist nur zum Rechtgeben da, gar nicht so sehr, um Erkenntnisse zu sammeln. Deshalb dürfen sie auch billig sein – von der argumentativen Substanz und von den Kosten der Zahlenerhebung her.

 

Krass, oder? Überall reden sie von Big-Data, aber in Wirklichkeit huscht man nur über die Daten – eine schnelle und vorteilhafte Zahl für die PowerPoints tut es meistens schon. Wenn ich so etwas schon lese: „Der Markt für Intelligenz-ABC wird in den nächsten zehn Jahren auf XY-Billionen Euro anwachsen.“ Mit ein bisschen Billigstatistik wird schwer Eindruck gemacht. „83 Prozent der Berufe verschwinden.“ Oder: „In zehn bis zwanzig Jahren werden Babys 3D-ausgedruckt.“ Diese windigen Vorhersagen nennt man Ergebnisse der Zukunftsforschung, die dann von „Zukunftsforschern“ vor großem Publikum vorgetragen werden. Sie treffen auf erstaunlichen Glauben! Man glaubt irgendwie alles, was ideal klingt oder zwar furchterregend droht, aber noch nicht konkret mit Veränderungen droht. Man vertraut allem, was jetzt im Augenblick keine Arbeit oder Probleme macht.

 

Alle reden von AI oder KI, der aufkommenden künstlichen Intelligenz. Jeder weiß jetzt angeblich alles, weil die Computer ja die Antworten ausspucken, aber dann gehen Kodak, Nokia oder die Buchclubs über die Wupper, und der Handel scheint nicht zu bemerken, dass das Bestellen im Internet vom Aufkommen der Tablets beeinflusst wird. Vielleicht macht die Billigstatistik auch so dumm, weil man die falschen Fragen stellt. Unten in der Sparkasse hier in Waldhilsbach fragte ich, ob der Berater denn nichts vom Internet merkt. „Nein,“ sagte er vor etwa zwei Jahren, „keiner von denen, die hierherkommen, macht etwas mit Internet-Banking.“ Jetzt wird diese Zweigstelle geschlossen. Der Grund ist, so heißt es, dass fast kaum jemand mehr kommt. Aha. Die Sparkasse sagt trotzdem noch, ihre Stärke sei die Strategie der lokalen Präsenz. Bestimmt gibt es irgendwelche Low-Budget-Umfragen, die diese „Strategie“ als gesichertes Erfolgsrezept feiern.

 

Denkt noch jemand selbst? Oder frisiert man nur noch „Studien“?

 

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9 Antworten

  1. Danke für den schönen und wahren Artikel! Es wäre ja nicht so schlimm, wenn solche Ergebnisse nur in Bachelorarbeiten verkümmern würden (für die wissenschaftliche Qualität natürlich schon). Ich bekomme inzwischen 2x die Woche Anfragen für solche Umfragen.

    Schlimmer ist es, wenn solche Ergebnisse ständig auf Tagungen und in Medien rezitiert werden. Sie verselbstständigen sich dann nämlich. So wird über Marktzuwächse geredet, die vollkommen aus der Luft gegriffen sind. Naive CEOs verwenden das für ihre Strategie.

    Was mich besonders ärgert, ist die kritiklose Extrapolation sogenannter Trends. Beispiel: Google hat einige Robotikfirmen gekauft. These: Google revolutioniert jetzt die Produktion. Kann sein. Google hat sich aber offensichtlich sich schon wieder von einigen dieser Firmen getrennt. Google hat schon Vieles wieder sein gelassen, allerdings wird darüber kaum geredet.

    Was kann man dagegen tun? Immer hinterfragen, woher Zahlen, Thesen und Schlussfolgerungen eigentlich stammen und ob das überhaupt realistisch ist.

  2. Brilliant und auf den Punkt. Das Zeitalter der Oberflächlichkeit hat begonnen.

    Während wir noch krampfhaft versuchen, unser Bild von der Welt zu ordnen, schüttet jemand einen LKW-Ladung neuer und widersprüchlicher Informationen ins Wohnzimmer, die auch noch geordnet werden müssen. Auf Überforderung mit Simplifizierung zu reagieren, erscheint mir da sehr menschlich.

  3. Die ständige Optimierung ist eben eine reine Kostenoptimierung. Die indirekten Kosten werden nicht berücksichtigt, da sie in der Bilanz nicht oder nur versteckt, indirekt vorkommen.
    Dies hat mich schon lange beschäftigt, der wahre Preis einer Ressource bleibt meistens verborgen.

    Aber die Realität bildet sich aus der Gesamtheit und die Zeit tut ihr übriges, fortschreiten.
    Es ist schade, dass Umgebungs-(Lesch: “Mitwelt”),
    und Zukunftskosten nicht berücksichtigt werden.

    Ein banales Beispiel: Werkzeug
    Es gibt Handbohrer, die mehr als 100 Jahre alt sind und gut funktionieren. Und heutige “billig” Handschrauber, deren Akku nach wenigen Jahren unbrauchbar schlechte Kapazität aufweist.
    Oder Bits, diese Aufsätze zum Schrauben, die gigantische Qualitätsunterschiede aufweisen. Und es ist sehr ärgerlich, wenn einer kaputt geht, sodass man sich ein neues Set kaufen muss.

    Wir sind uns alle klar und einig darüber, dass wir länger als X Jahre leben wollen, aber unser Handeln und vieler Leute Denken geht nicht über die nächste Woche/das nächste Quartal hinaus.
    Für mich passt das nicht zusammen.
    Zukunftsdenken ist #alternativlos

    PS: Da im DD der Anklang einer Kritik an den Zukunftsforschern aufkam ;), hier ein für mich positives Gegenbeispiel: Matthias Horx
    Es gibt aber in diesem Bereich auch viele, auf die diese Kritik zutrifft

  4. Mitten im Leben, voll daneben.

    Früher war die Welt etwas straighter. Eine Leiterin einer großen IT Abteilung (eher die Größe eines mittelständischen Unternehmens) ging zu einem Gruppenleiter im Rechenzentrum und sagte, ‘Evaluieren sie diese 3 Alternativen und kommen sie zum Schluss, dass Alternative XYZ am besten geeignet wäre’. Woran er die Passgenauigkeit ausmacht war ihm freigestellt.

    Professor in Psychologie akzeptiert eine Diplomarbeit nur wenn das Ergebnis seine Hypothese bestätigt.

    Das war schon in den 80ern oder 90ern. Geändert hat sich wenig.

    Im Gegensatz zum Arno Schmuck hätte ich gehofft, dass das Zeitalter der Oberflächlichkeit langsam zu Ende geht.

    Die Nachbargemeinden sind ja eh pulsierende Epizentren des Fortschritts, zumindest wenn die S-Bahn vorbei- resp. durchfährt. Es gibt in der Gegend S-Bahn Haltestellen wo man sich frägt, woher kommen die Leute, denn Haus war keines weit und breit zu sehen. Mitten in der Pampas tobt die Crowd. Das ist ein wenig geschwindelt, da die S-Bahn ein wenig ‘eingehaust’ ist oder die Strecke besäumt Lärmschutzwallen und -mauern war. Wobei in S-Bahn Station Wiesloch nichts mehr los war damals. Außer mir, dem Zug und dem Will To Survive war nichts mehr. Weiß nicht ob im Süden von Heidelberg hinter dem Wald der Bär abgeht. Außer dem im Wald, denn wie wir hörten gehört der Bär wieder natürlichen Bedrohung des Menschen.

    Sie haben aber zumindest noch eine Filiale, wenn nicht zwei in dem Kretzel.

    Aber nicht das Internet für die Sparkasse. Der Herr hat ja richtig gesagt, ‘Alle die hierher kommen haben mit Internet Banking nichts zu tun’. Die Aussage ist auch korrekt.

    Früher kamen die Erlagscheine die Leute gingen auf die Bank und fragten hie und da den Schaltern’beamten’ nach dem Kontostand. Später kam der Kontoauszugsdrucker, der Bankomat gab auch Auskunft über den Kontostand usw…

    Die Frage beim Banking wird ein wenig schwieriger zu beantworten sein. Der Trend die Verantwortung dem Konsumenten zu überantworten nimmt zu. Genauso wie perpetual Beta wird an den Kunden in Wahrheit Arbeit ausgelagert. Das kostet heute schon Zeit. Die Nutzenmaximierung schon auf der Seite den Kunden bezogen auf das Produkt sollte dominieren und nicht der Nutzen des Kunden für das güterbereitstellende Unternehmen.

  5. Danke Gunter Dueck für diesen sehr guten Artikel. Ich muss gestehen, dass auch ich einmal eine Studentin unterstützen wollte, die einen Fragenkatalog für ihre Arbeit erarbeitete. Bereits die erste Frage ging am Thema vorbei. Am Ende habe ich aufgegeben. Machte alles keinen Sinn. Ich musste sofort an das Interview “Der Astronaut”, Loriot 1972 denken. Kann man auf Youtube sehen: https://www.youtube.com/watch?v=YGyTV-zZ

  6. “No-Frills-Big-Data – Klage über Billigstatistik oder Low-Budget-Lean-Brain-Studien”

    Billig ist doch das kapitalistische Credo, oder?
    Und sich dann über den Service beschweren! Das ist heutiger Standard (Ignazio Lopez sei Dank!???).
    Wer zahlt denn heute 30 ct. für ein Ei? Eine kleine Minderheit. Die Bäcker gehen Pleite, weil die Discounter laufend frisch backen.
    Aber was backen die? Schmeckt ihnen das? Weils billig ist!
    In einem antiken Sketch von Gerhard Polt wird ein russischer Mathematikprofessor für billiges Geld als Gärtner eingestellt, der nebenbei dem Bubi Nachhilfe gibt. Weils geht!
    Wir leben doch alle vom ##Gefälle, wenn es geht, oder?
    Scheinheilig sind die, die das leugnen.
    Und es gibt keine Mehrheit die das ändern will, oder?

    1. Übrigens, die Statusuhr läuft immer noch auf Sommerzeit es ist nicht 00:39 Uhr sondern 23:39 Uhr.
      Aber weils billiger ist ….
      So What!

      1. Letzte Ergänzung:
        In seinem Lied Don’t Worry, Be Happy verarbeitete McFerrin die Worte Babas. Sein in der Art eines Calypsos vorgetragenes Lied beginnt folgendermaßen:

        Here’s a little song I wrote
        You might want to sing it note for note
        Don’t worry, be happy.
        In every life we have some trouble
        But when you worry you make it double
        Don’t worry, be happy.
        Don’t worry, be happy now

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