DD257: Tun bei Ambivalenzfähigkeit – nicht nur Schreie von Extremhügeln (Januar 2016)

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DD257: Tun bei Ambivalenzfähigkeit – nicht nur Schreie von Extremhügeln (Januar 2016)

Ich wüsste gerne, ob neben dem Wort „Digitalisierung“ auch die Wendung „Fluch oder Segen“ so inflationär in Mode kommt, wie mir das vorkommt. Vielleicht ist es für Minderwertjournalisten leichter, Artikel zu neuen Themen zu schreiben. Schauen Sie: Zu überhaupt allem gibt es heute sehr extreme Standpunkte. Die bekommt jeder im Netz gratis und sehr laut zu lesen. Man fasst sie intellektuell simpel zusammen, indem man sie nebeneinander stellt und sich damit als Kenner des Ganzen profiliert.

 

Da schreien also die Extreme von ihren Burgen herab – und Journalisten können darüber Fluch-oder-Segen-Artikel schreiben, ohne sich jemals auf eine Seite schlagen zu müssen. „XY- Fluch oder Segen.“ Es gibt also drei Haltungen: Man ist für XY, gegen XY oder Fluch-oder-Segen-Deklinierer. Was wir aber jeweils brauchen, sind Synthesen, gemeinsame Entschlüsse, Einigkeit, Klarheit, Solidarität bei Problemen. Und Tun.

 

All das Notwendige liegt irgendwo in der Mitte im Tal – zwischen den Trutzburgen. Ist da jemand? Dort ist es unangenehm, dort herrscht die Ambivalenz. Da sind nicht Fluch oder Segen, sondern Fluch UND Segen, da ist nicht Entweder-Oder, sondern beides zugleich. Ambivalenz ist das Gemisch gegensätzlicher Gefühle, Gedanken und Aussagen. Dieses Nebeneinander muss der ertragen, der jetzt und hier sinnvoll handeln will.

 

Haben wir vergessen, dass in der Philosophie seit „allen Zeiten“ immer die Idealisten („Wir sind alle Gottes Kinder“) gegen die Realisten wettern („Menschen stammen vom Tier ab – der Naturzustand ist egoistischer Krieg der Paradiesvertriebenen um Geld, Macht und Ansehen“, e.g. so etwa bei Hobbes, Leviathan) – und umgekehrt? Heute bildet sich wieder diese Frontlinie aus. Man beschimpft Idealisten als „Gutmenschen“ und diese wiederum verachten die in Bezug auf die menschliche Natur Niedergeschlagenen als „besorgte Bürger“. Es entsteht eine Frontlinie wie zwischen den „Book Smarts“, die in der Theorie um das Gute wissen, und den Street Smarts, die im Dschungel zu überleben gelernt haben. Die Fronten verhärten sich, weil die Book Smarts auf Street Smarts zu überheblich-abstrakt wirken und weil dann die gekränkten Street Smarts unangemessen antworten.

 

Es gibt immer beides, das Leben im Prinzip und das Leben, wie es ist. Das müssen wir ertragen, ohne uns ganz ohne Handlungen nur zu zerfleischen. Hören wir auf mit Hass und Verachtung. Hören wir auf mit dieser Triade XY, nicht XY und XY-Fluch-oder-Segen. Wir brauchen den Mut, alle Facetten und Perspektiven zu sehen und zu handeln, es geht nicht um Demonstrationen und Gegendemonstrationen, nicht um den Hass auf die Naiven gegen die Verachtung des Packs.

 

Lassen Sie uns lieber die Helfer ehren, die Gutes tun. Lassen Sie uns gefasst „Köln“ ertragen. Es wird Probleme geben – die muss man anfassen. Es geht nicht darum, die Probleme besonders deshalb wegzudisktutieren, weil „die Besorgten“ sie natürlich vorhersahen. Es sind Probleme, die gelöst werden müssen. Es geht nicht, „über Einzelfälle“ und „Verfehlungen Weniger, die das Ganze beschmutzen“ zu sinnieren. Stellen wir uns nicht in diese Schmollecke, wo doch die katholische Kirche und VW schon stehen. Wir lösen jetzt die Probleme! Welche immer es sind! Es geht nicht um Recht haben, bekommen und behalten.

 

Wir haben uns schon mehrmals in der Wolle gehabt. Wir haben uns über die Ukraine zerstritten und dazu neue Verachtungswörter wie „Putinversteher“ erfunden, wir hatten Ähnliches rund um Griechenland mit gegenseitigem Hass auf Finanzminister. Ist viel passiert? Es bessert sich langsam. Egal. Wir haben vergessen. Jetzt eben die Flüchtlinge.

 

Und wenn dann einmal wirklich jemand „Wir schaffen das“ sagt, mit aller zur Verfügung stehender Macht, dann ist es auch wieder nicht recht, weil eben Angela Merkel auch wieder ambivalent ist. Darf man etwas gut von ihr finden, wenn man sie nicht mag? Wird sie nun in der Flüchtlingsfrage von den Idealisten unterstützt? Geben Ihr die Idealisten, denen sie nun hilft, je eine Stimme zum Dank? Nein, sie ist laut übereinstimmenden Medienberichten die einsamste Frau der Welt geworden. Es ist leise um sie. Leute, das verstehe ich nicht. Wenn jemand in großer Not hilft, mäkelt man doch nicht am Helfer herum? „Nein, meine Helfer suche ich mir aus?“ Schauen wir ihrem langsamen Sturz zu? Schaffen wir das dann besser?

 

Ich schaue fast 50 Jahre zurück. Willi Brandt kniet nieder und verharrt eine halbe Minute in Stille – spontan, wie er später sagte. Ich lese zur Erinnerung den Artikel „Kniefall von Warschau“ in der Wikipedia. Die Menschen waren damals alle verwirrt und betroffen, das weiß ich noch. Deutsche waren mehrheitlich ablehnend und besorgt, Brandt mag sich damals in gewisser Weise sehr einsam gefühlt haben. Günter Grass ächzte damals unter dem Hass der Besorgten – die Wörter Hass und besorgt schlagen mir beim Lesen des Artikels entgegen. Ich erinnere mich an Nachbarn, die Grundnahrungsmittel zu horten begannen, „weil die vaterlandslose SPD jetzt die Russen reinlässt“.

 

Wir wollen doch immer, dass einig gehandelt wird, aber wenn jemand handelt, lassen wir ihn uneins allein? Ist Verharren in Ambivalenz Pflicht?

 

Diesmal aber doch nicht?

 

Lassen Sie uns den Augenblick dieses „Wir schaffen das“ in unseren Herzen festhalten und helfen. End of debate. Die Anker sind gelichtet. Ob alles gut wird, wissen wir nicht, aber wir arbeiten dran. Mit Zuversicht. Und achten wir jene und helfen wir denen, die noch Sorgen haben. Sorgen sollten wir im Ungewissen bestimmt alle haben. Ambivalenzfähigkeit bedeutet, bei allen Sorgen doch zuversichtlich zu sein und die Verantwortung zu tragen.

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19 Antworten

  1. Wir brauchen Leute die anpacken. Hier sollten Politiker mit gutem Beispiel wie Patzelt (SPD ) vorangehen und selbst Flüchtlinge aufnehmen. Hinterher könnte man ja über Erfahrungen sprechen…….und wie und wo kann ich was verbessern !

  2. Am Anfang dachte ich noch, ach guck mal, ein ausgewogener Artikel, der auch mal zugesteht, dass nicht alles super läuft.

    Aber dann hat der Text doch wieder die übliche Kurve gekriegt und ich dachte mir, ach ne, doch nur ein weiterer Gutmensch, der versteckt in viel Text nur die Parole „weiter so“ ausgibt. Schade.

  3. Danke Herr Dueck für Ihren breiten Horizont, den Sie immer wieder in Ihren Beiträgen zeigen! Und in diesem Fall für Ihren sachkundigen historischen Abriss, der zeigt, wie es um verschiedene Politiker herum „einsam“ geworden ist (Willy Brandt etc.).

    Sie schreiben: „…Darf man etwas gut von ihr (Merkel) finden, wenn man sie nicht mag? Wird sie nun in der Flüchtlingsfrage von den Idealisten unterstützt? Geben Ihr die Idealisten, denen sie nun hilft, je eine Stimme zum Dank?“ Sie schreiben weiter: „Wenn jemand in großer Not hilft, mäkelt man doch nicht am Helfer herum?“

    Aus Ihren Zeilen ist herauszulesen, dass Sie Merkel eher in die Richtung „Idealistin“ einordnen. Ist das wirklich so? Sie ist doch eine Realistin. Sie setzt – fast preussisch pflichtbewusst – das Verfassungrecht um.

    Dazu gab es eine interessante Diskussion heute im Deutschlandradio (Sendung von 17.10 Uhr). Ein Verfassungsrechtler der Hochschule der Bundeswehr München sagte: „Das Grundgesetz aus 1949 sieht vor, dass jeder Asylbewerber das Recht hat, dass sein Antrag auf Asyl individuell geprüft wird. Bestimmungen des Grundgesetzs können nur mit 2/3 Mehrheit geändert werden. Eine Obergrenze festzulegen entspräche nicht dem Grundgesetz. Nur im Falle des Notstands, wie im Grundgesetz festgelegt, könnten Anpassungen vorgenommen werden. Erst dann wäre so etwas wie eine Obergrenze möglich.“

    Erst durch diese Diskussion heute im Deutschlandradio verstehe ich, warum Merkel so konsequent eine Obergrenze ablehnt!

    Merkel ist in diesem Sinn eine ganz pflichtbewusste realistische Verteidigerin des deutschen Verfassungsrechts – und keine Idealistin.

    PS: Merkel scheint selbst in der aktuellen Situation von grosser Rechtstreue geprägt zu sein, nach dem Motto: „Wenn jetzt Österreich und andere Staaten eine Obergrenze einführen, dann gibt das Deutschland noch keine Erlaubnis, selbst das Recht zu brechen.“

    1. In dieser Diskussion gilt man ja inzwischen leider schon als Idealist bzw. „Gutmensch“, wenn man sich auf die Verfassung oder die Genfer Flüchtlingskonvention beruft. Und jetzt, wo sich andere Länder (wie Österreich augenscheinlich) darüber hinwegsetzen können, erst recht. Und ja, bestünde die CDU/CSU nur aus Merkel dann würde ich als „Idealist“ derzeit tatsächlich CSU (leider Bayern) wählen.

      Allerdings stimme ich dem zweiten Teil des Satzes „Man beschimpft Idealisten als „Gutmenschen“ und diese wiederum verachten die in Bezug auf die menschliche Natur Niedergeschlagenen als „besorgte Bürger“.“ überhaupt nicht zu. Ich denke nicht, dass der Ausdruck „besorgte Bürger“ von den Idealisten verächtlich gebraucht wird – die seriösen Besorgnisse (also nicht Angst vor Überfremdung in Gemeinden mit <0,1% Flüchtlingen) werden in jeder halbwegs ziviliserten Diskussion durchaus ernst genommen. Wenn aber aus den Reihen der mit Nazis durchsetzten Pegida, die sich als Gruppe "einfach nur besorgter Bürger" geriert, solche Besorgnisse wie "Flüchtlinge sind reich, Verbrecher, Vergewaltiger und zünden mit Vorliebe selbst ihre Unterkünfte an" usw. geäußert werden, dann muss man die halt auch mal etwas brüsker zurückweisen …

  4. Danke, Herr Dueck, für den profunden Artikel. Es hilft so sehr, über den Graben der Erkenntnis zu springen, sozusagen vom grünen Meme in den gelben, holistischen Denkrahmen, wenn ich mich einmal auf die Spiral Dynamics als Orientierung beziehen darf. Zuversichtlich im Ungewissen, dieser Satz ist seit einiger Zeit mein Slogan.Klug und absichtsvoll für ein gelingendes Leben und Miteinander im Wirrwarr der aufwühlenden Geschehnisse zu versuchen, nächste und hilfreiche Schritte zu gehen. Picasso wird zitiert mit dem Ausspruch „Geborgen im Ungewissen“ als Haltung. Das ist ein weiter Schritt, und ohne Handlung wäre mir diese zu wenig. End of debate – das klingt gut. Und jetzt Annäherung und das Konstruktive sowie Kolaborative stärken. Sich als Gemeinschaft verstehen und klären, was denn und wie denn Leben und Arbeit ein menschliches und zukunftsweisendes Antlitz bekäme bzw. erhalten kann. Eben MIT den Entwicklungen, die da sind. Mit dem, was sich zeigt, etwas Gutes machen. Die Diskussion darüber, wie menschliches Miteinander in der ersten Hälfte des 21. Jh. aussehen kann, die beginnt eventuell jetzt – über den Kreis der „Gelben“ hinweg. Danke sehr, Herr Dueck für den Anstoß auch hier auf dieser Plattform, sagt Bärbel Rpke-Stieghorst

  5. Ja. Genau. Dem muss man nichts hinzufügen, aber man kann ;-).

    Herz oder Verstand. Kopf oder Bauch. Warum immer dieses entwederoder? Es braucht immer den ganzen Menschen, um reale Probleme zu lösen. Die Probleme, die kein richtig oder falsch, gut oder böse kennen, … . Probleme bei denen man das Grau aushalten muss.

    Ist es richtig, Menschen, die vor Krieg, Terror oder auch nur Hoffnungslosigkeit fliehen zu helfen? Ja, sagt das Herz. Können wir allen Helfen? Nein, sagt der Verstand und auch der Bauch. Werden uns Menschen, die anders sozialisiert sind, Ärger machen? Sicher, sagt der Verstand. Aber nicht alle, sagt das Herz. Fühlen sich Inländer nicht ernst genommen, die sich in potenzieller Konkurrenz zu zukünftigen Mitbürgern wähnen? Ja, sagen mir alle drei Instanzen.

    Die Synthese ist die Erkenntnis, das beide Hoffnungslosigkeit treibt. Die einen aus ihrer Heimat, die andere zu Pegida und Co. Daraus lässt sich eine Strategie entwickeln, keine vollständige Lösung, aber eine die möglichst nahe kommt. Insofern könnten die „Angstbürger“ und ihre Familien sogar von den Flüchlingen profitieren. Nicht in dem man diese ausgrenzt, sondern potenzielle Probleme heute angeht: Wohungsbau, Bildung, Mindestlohn, … . Aber auch Fluchtursachen dort bekämpfen, wo sie sind. Und wenn es nicht geht, dann eben nicht dort, sondern hier.

    Bekämpfen muss man die Rattenfänger, die Volksverhetzer, das Völkische. Diejenigen die die Hoffnungslosigkeit instrumentallisieren, nicht die Hoffnungslosen.

    Wachsen kann man nur ausserhalb der Komfortzone, wird uns immer wieder gesagt. Die Komfortzone ist dort wo wir uns sicher fühlen, Hoffnung haben. Wer ständig ausserhalb der Komfortzone (Heisst die eigentlich „Angstzone“?) lebt, der wächst nicht, der wird krank. Der sucht sich eine neue Komfortzone, die heisst Pegida, AfD, NPD oder auch IS, Salfisten.

    Danke für den Artikel. Er hat sehr viel in mir ausgelöst.

  6. Fremdes und unbekanntes bringt Ängste und Bedenken mit. Das ist unvermeidlich. Weil jedem Menschen mehr unbekannt als bekannt ist, ist Angst vor dem Unbekannten ein ständiger Begleiter. Ansammlungen von Menschen, mit der gleichen Angst verstehen sich untereinander und haben auch keine Angst vor einander. Damit sich nicht alle vor lauter Angst in Gruppen die Köppe einschlagen, haben wir Gesetze und Regeln die das Zusammenleben ermöglichen – und das ist auch gut.

    Wenn um Lösungen gerungen wird, und Verbesserungen ereicht werden, ist das ein Zeichen von gemeinsamen Handeln. Erkenne ich derzeit aber nicht. Dem anderen Forderungen entgegen schleudern ist in der Tat kein Lösungsbeitrag, sondern bestenfalls ein Zeichen von hilfloser, haltloser Angst vor der eigenen Unfähigkeit zum Mitdenken.

    Angst lässt sich durch Mut, Zuversicht und Aufarbeitung des Unbekannten regelmäßig fast vollständig beseitigen.

  7. Diesmal stimme ich Ihnen nicht zu, Herr Dyck. Das „Wir schaffen das“ ist aus einer einsamen Position gesprochen, die im Volk keine Mehrheit (mehr) hat. Nur will Frau Merkel (oder darf sie nicht?) das nicht verstehen. Deshalb wird es langsam aber sicher einsam um sie.

    Das inszenierte Chaos hat doch Methode! Viele merken ob des ganzen Flüchtlingsgetöses gar nicht, was hinter den Kulissen passiert. Wiedereinführung der Vorratsdatenspeicherung (in verschärfter Form!)? Kommentarlos durchgegangen. Bruch des Koalitionsvertrages in Bezug auf den Abzug der US-Atomwaffen? Hat keiner mitgekriegt, aber wir sind jetzt stolze „nukleare Teilhaber“ von modernsten US Atombomben auf deutschen Waffensystemen. Bruch der deutschen Verfassung und etlicher anderer deutscher Gesetze? Interessiert nicht. TTIP & Co? Frau Merkel will noch nicht einmal eine demokratische Debatte darüber zulassen.

    Ja,Frau Merkel wird es richten und der deutsche Michel kaut weiter. Jeder, der eine andere als die politisch korrekte bundeseinheitliche Meinung hat? Volksverhetzer, Rattenfänger …die Nazikeule macht alles platt, ohne Rücksicht auf Verluste. Und ehrlich: nur weil alle (linientreuen) Medien es aus allen Rohren schießen (nennt man Propaganda!) ist Pegida noch lange keine rechtsradikale Organisation. Es ist nur so schön einfach, Missliebige und Andersdenkende als „rechts, völkisch, hetzerisch“ zu verunglimpfen. Wer will da schon mittun?

    Bevor das Geschrei losgeht: es steht jedem frei in Dresden oder anderswo (ja, auch bei AfD-Parteitagen) anwesend zu sein und sich ein eigenes Bild zu machen. Erst wenn er das hat, steht ihm auch ein Urteil zu, nicht aber, weil die Medien es so vorgeben. Das dies leider in unserem Land nicht mehr gegeben ist und die Demokratie Stück für Stück zu Grabe getragen wird, ist die eigentliche Schande. Demokratie müsste Pegida, AfD und Co. aushalten und sich sachlich, argumentativ mit den Inhalten, Ängsten und Befürchtungen auseinandersetzen. Diese als „rechts“ abzukanzeln ist erstens schlechter politischer Stil und zeigt zweitens, wie die Marschrichtung künftig sein wird.

    1. Ganz nach dem Vorbild von „Jozef Filser“.
      Zitat: Wir sind zwar nicht die G’scheiteren, aber die Mehreren.
      Jozef Filsers Briefwexel ist ein Buch von Ludwig Thoma, das erstmals 1912 erschien.
      oder auch:
      »Es ist ein Jammer, dass die Dummköpfe so selbstsicher sind und die Klugen so voller Zweifel« von Bertrand Russell

    2. Wer will denn da so genau wissen, ob „wir schaffen das“ im Volk keine Mehrheit hat? Vielleicht ist es mal wieder die schweigende Mehrheit die es doch gut findet und nur die, die wieder laut krakelen bild die öffenliche ähm „veröffentlichte“ Meinung. und alle denken, „so ist es“. Meiner Meinung nach können wir es auch schaffen, wenn wir uns weniger mit uns selbst sondern mit den eigentlichen Problemen beschäftigen. Wenn 80 Menschen in einem Raum sind, wen interessiert es ob noch ein oder zwei hinzukommen …

  8. Flüchtlinge und Asyl Suchende gibt es ja nicht erst seit einem Jahr. Und dieselbe Kanzlerin, die letztes Jahr vor dem Ansturm kapituliert hat und dabei erkannte „Wir schaffen das!“ oder besser: wir könnten das schaffen, wenn wir uns gemeinsam anstrengen, hat vor Jahren mit dafür gesorgt, dass die Grenzen von Europa abgedichtet wurden, und die Menschen im Mittelmmeer ertranken. Erst als es dann zu viele wurden, hat man sich zum Retten entschlossen – und die Mittelmeerländer mit dem Problem allein gelassen.

    Nachdem die Menschen in Europa jahrzehntelang auf „Wettbewerb“ und „Eigenverantwortung“ gedrillt wurden, ist es halt schwer, gemeinsam das christliche Prinzip der Nächstenliebe wiederzufinden und zu praktizieren. Nicht Deutschland, aber Europa insgesamt könnte mit seinem Reichtum im Zweifel sogar alle 60 Millionen Flüchtlinge retten und versorgen – nicht auf dem Kontinent, sondern auch vor Ort. Nur: Das will niemand. Aber die, die zu uns kommen, könnten wir aufnehmen, wenn wir nur wollten und uns anstrengen. Dazu muss man auch keine historische Verantwortung bemühen. Es würde reichen, wenn dieses Prinzip der Nächstenliebe auch deutlich für die Menschen gelten würde, die schon immer hier, in Deutschland und in Europa, leben. Ich bin der festen Überzeugung, dass ein bischen mehr Teilen und etwas weniger „Fördern und Fordern“ in Deutschland und Europa auch wieder die solidarischen Instinkte der Menschen aktivieren und zu einer allgemein solidarischeren Gesellschaft führen würde.

    Aber Frau Merkel ist ja schon wieder dabei, die Europäischen Außengrenzen zu „sichern“ – bis wieder zu viele sterben?

  9. Herr Dueck, Ihnen ist zu verdanken dass Sie mit Ihrem aktuellen DD eine wichtige Erkenntnis veröffentlicht haben:

    „Um Menschen, die in einer schwierigen Situation HANDELN, wird es oft sehr einsam.“

    So sehe ich zumindest die Kernaussage Ihres aktuellen DD! Viele Kommentatoren haben ganz andere Erkenntnisse aus Ihrem Beitrag gezogen (was auch zu respektieren ist).

    Danke, dass Sie auch den Vergleich mit dem Politiker Willy Brandt gebracht haben, um den es auch sehr einsam geworden ist. Mit solchen Beispielen wird alles viel lebendiger!

    Ihr Beitrag hat mich heute angeregt, darüber nachzudenken: „Warum ist es aktuell um die Politikerin Angela Merkel so einsam?“ Eigentlich handelt sie – zusammen mit dem preussisch-disziplinierten Thomas de Mazière – preussisch diszipliniert entsprechend dem deutschen Grundgesetz von 1949, wonach jeder Asylantrag individuell zu prüfen ist. Einem Grundgesetz, das weltweit seinesgleichen sucht. Es ist wirklich vorbildhaft – viele Bürger anderer Länder wären extrem dankbar, ein solches Grundgesetz zu haben.

    Warum ist es dennoch so einsam um Merkel?
    Ich fürchte, da kommen wir zu einem anderen Lieblingsthema von Ihnen Herr Dueck, der ganzheitlichen Triade von „Kopf, Herz und Hand“. Oder „Verstand, Emotion, Handeln“. Sie drücken es anders aus („Omnisophie), ich finde derzeit keine besseren Begriffe.

    Merkel scheint das Problem zu haben, dass sie zwar in einer schwierigen Situation handelt („Hand“, im Wort handeln steckt das Wort Hand). Sie handelt auch ganz korrekt, im Einklang mit dem weltweit vorbildhaften deutschen Grundgesetz. Aber: sie und ihre engsten Vertrauten scheinen extreme kommunikative Defizite zu haben, das Handeln verständlich zu erklären („Kopf“/“Verstand“) und das Handeln emotional zu unterstreichen („Herz“).

    Merkel und ihre engsten Vertrauten schaffen es offensichtlich nicht, den Kern des deutschen Grundgesetzes in einfachen Worten zu erklären und als Folge daraus verständlich darzulegen, WARUM sie so handeln. Ein trotziges „Dann ist es nicht mein Deutschland“ ist nicht ausreichend. Es braucht mehr Details. Und Merkel und ihre engsten Vertrauten schaffen es nicht, verständlich darzulegen, WARUM sie etwas fordern („Keine Obergrenze“? Ok, aber WARUM eigentlich keine Obergrenze?). Und sie schaffen es nicht, die Bürger emotional mitzunehmen.

    Das Problem, wenn man Ihre Omnisophe, Herr Dueck, weiterdenkt, ergibt sich von selbst: Ein Handeln (HAND), das nicht von verständlichen Erklärungen (VERSTAND) und emotionalen Streicheleinheiten (HERZ) begleitet wird, wird todsicher zum Scheitern verurteilt sein. Weil zwei Dimensionen von insgesamt drei schmerzlich fehlen.

    Merkel mag also in der aktuellen schwierigen Situation HANDELN, aber ihr und ihren engsten Vertrauten fehlen offensichtlich die zwei anderen Dimensionen der Ganzheitlichkeit. Selbst Deutsche, die sich noch nie mit dem ganzheitlichen Denken beschäftigt haben, erkennen das irgendwie instinktiv. Es fehlt etwas im Ganzen, und zwar ganz schmerzlich.

    Das könnte jetzt zur paradoxen Situation führen, dass es in nächster Zeit noch sehr viel einsamer um Angela Merkel werden wird. Und dass ihre Tage wirklich gezählt sind. Hätte nie gedacht, dass es so weit kommen kann. Bei dieser Frau und Physikerin, die so intelligent ist.

    Es wäre ein weiterer Beweis dafür, dass in sehr schwierigen Situationen wirklich Kopf + Herz + Hand erforderlich sind. Nur preussisch-korrekt zu handeln, im Einklang mit dem deutschen Grundgesetz (wie Merkel es macht!), genügt offenbar nicht.

    Zum Abschluss noch einmal Danke! Herr Dueck, dass Sie einmal das Thema „Handeln in schwierigen Situationen“ in den Mittelpunkt eines Daily Dueck gestellt haben.

    1. …und dazu noch schnell mal anschauen: Merkel und Reem, wo eben das Herz und die Staatsräson vollkommen im Widerspruch stehen. Da hat Merkel ja reagiert, aber sie kann eben nicht nonchalant so einfach leicht drübergehen („Hey, ich schaue mir Deinen Fall noch einmal an“ oder so, was man als Kanzlerin eigentlich auch nicht darf). Sie hat eben so etwas wie „Physikerin“, was man irgendwie immer etwas übelnimmt.

  10. Ursache der Extrempositionen sind häufig Überforerung und Stress. Die argumentierenden Personen hoffen bewusst oder unbewusst, dass sich die Positionen schneller durchsetzen lassen. Leider tritt das Gegenteil durch verhärtete Fronten und breitere Gräben ein. Nur aufgrund dieser Situation kann man aber nicht stichhaltig den Schluß formulieren, dass Frau Merkel im Tal der Ambivalenz liegt. Ich stimme dem nicht zu.

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