DD304: Die spekulative Bio-Neuro-Einkleidung von Philosophien und Fantasien (Nov. 2017)

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Jeden Tag erscheinen Massen von Studien, für die man vielleicht ein paar Rattenzellen seziert hat und an deren Ende sich die Autoren zu einer „spekulativen Conclusio“ hinreißen lassen. Etwa, dass die Vorgänge in der studierten Zelle auf die Idee bringen könnten, zum Beispiel die konfuzianische Lehre auf ein stabiles Neuro-Fundament zu stellen. Solche wissenschaftlichen Studien sind fast nie gut lesbar, nur Fremdwortsalat, aber die „könnte-vielleicht“-Spekulationen in den Schlusssätzen werden sofort genüsslich von Journalisten aufgegriffen und wortwörtlich kopiert. Nicht ganz wörtlich, denn vorher wird noch schnell „könnte-vielleicht“ in „wissenschaftlich-gesichert“ umgewandelt. Das bietet sich an, entweder aus Dummheit oder aus Freelancer-Journalismus, der schnell viele Artikel für geringen Mehrverdienst raushauen muss.

Wenn spekulativer Unsinn am Schluss von Studien steht, wird er also fast stets wissenschaftlich geadelt, und durch ihn bekommen die Studien wenigstens eine gewisse Aufmerksamkeit, die sie sonst nicht verdient hätten. Viele Berater, Coaches und Systemheilslehrer stürzen sich anschließend auf solche Studien, um letztlich allein aus dem Blick in eine Rattenzelle weltverbessernde Persönlichkeitsentwicklungsseminare zu designen, die vorher noch rechtlich geschützt werden, damit sie nicht in die bösen Hände von mitverdienenden Unbefugten fallen können. Soll doch jeder Coach Lizenzen kaufen oder seine eigene Neuro-Idee zu PowerPoints verdichten!

Vielleicht wirkt es ja auch besser, wenn gesunder Menschenverstand als Neuro-Technik verkauft wird?! Ist das so? Werden Menschen empathischer, wenn man ihnen einredet, sie hätten ganz sicher einige Spiegelneuronen im Kopf, die nur noch durch eine Schnelltherapie aktiviert werden müssen? Zwei Globuli nehmen, ex und hopp?

Nur ein prominentes von ätzend vielen Beispielen: Nun sind 25 Jahre ins Land gegangen, seit Rizzolattis Team die Beobachtungen an einem Makaken-Affengehirn der Welt mitteilte, die man leider so nicht gut an einem Menschen wiederholen möchte, weil der Versuch nicht so gesund ist. Seitdem schießen die Spekulationen ins Uferlose. „Könnte-vielleicht“ wird vollkommen vergessen. Ich zitiere aus dem Artikel „Spiegelneuronen“ aus der Wikipedia:

Laien- und massenhafte Vergröberungen führten in der Folge zu einer Lawine von Fantasien bis hin zu Extremvorstellungen, wie etwa Jeremy Rifkins „empathischer Zivilisation“. Neutrale Neurowissenschaftler, die zu anderen, jedoch verwandten Themen forschten, beteiligten sich erst spät mit öffentlichen Beiträgen, dann allerdings mit zunehmend entschiedener Kritik. David Poeppel, Spezialist für Neurobiologie der Sprache an der New York University, fasste seine Einschätzung so zusammen: „Die Zellen sind da, aber wozu sie gut sind und was sie machen, das wissen wir überhaupt nicht.“

Wer wartet heute noch auf gesicherte Erkenntnisse? Los, schnell spekulative Bücher schreiben! Schauen Sie einfach unter „Spiegelneuron“ bei Amazon vorbei und kaufen Sie ein Regal Empathie.

Es wird immer moderner, religiöse Gefühle, Ethik, die Freiheit des Willens und besonders den Sinn des Lebens neuro- oder evolutionsbiologisch neu einzukleiden und bis hin zu Fantasien über Heilslehren zu verkleiden. Unsere wahre Natur ist die der Mammutjäger, sagen die Neuros und Evos, ganz gewiss! Aber es stimmt ja nicht. Ich erinnere mich noch ganz genau an meine eigene Zeit als Mammutjäger: als wir in der Kälte mit Spießen herumsaßen und uns der Schamane erklärte, wir würden vom Affen abstammen und unsere Bestimmung wäre es eigentlich, in einem warmen Paradies auf Bäume zu klettern und Bananen satt zu haben.

Diese Tendenz, nie mehr auf gesicherte Erkenntnisse zu warten, hat uns nun eine Überfülle stets hypermodernster Neuro-Bio-Lehren beschert, sodass wir heute bequem nach einer Neuro-Bio-Einkleidung surfen können, die ganz speziell zu uns persönlich passt. Für jeden Lebenssinn steht ein Buch bereit – Filterblase garantiert! Gemeinsinnige holen Spiegelneuronen hervor, Kapitalisten die Raubtiernatur des Menschen, Religiöse messen das Hirnarealzucken beim Gebet. Alles Neuro-Mantik, oder was?

Ach, selbst wenn die Wissenschaft genau wüsste, welche hirnlichen Möglichkeiten wir haben: Denken, fühlen und handeln müssen wir noch selbst. Vorerst jedenfalls noch. Kann ja sein, dass nach dem derzeitigen Dahinsiechen des erfundenen Homo Oeconomicus uns noch ein Homo Neuroticus aufgepfropft werden wird – so eine Art von Kompromiss zwischen Mammut, Banane, Lohndumping und Smartphone.

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10 Antworten

  1. Niemand will verstehen, dass Menschsein sich aus HW und SW besteht. Die Genderwissenschafter glauben, alles sei SW und veränderbar. Die Neurologen glauben alles sei HW und vordefiniert.

    Aber IT’ler wissen, nur die Kombination aus HW & SW machen ein System aus. Nur wenn man beide Bereiche zusammen nimmt, kann man Menschen verstehen.

  2. Da haben Sie Recht, Herr Dueck. Man bekommt immer wieder Aussagen um die Ohren geworfen, die mit “Studien belegen, dass” beginnen. Auch wenn es vielleicht nur eine einzige Studie war und diese zumal falsch verstanden oder ausgelegt wurde. Und man sich nicht unbedingt gefragt hat, wer die Studie beauftragt und bezahlt hat. Die argumentative Aneignung von Studienergebnissen bei möglicher Verdrehung spekulativer in angeblich wissenschaftliche Wahrheiten bildet eines der Grundnahrungsmittel des deutschen Belehrungsdrangs. Man denke nur an Diskussionen über die Ernährung.

    Nur frage ich mich, ob die Grenze zwischen Genauigkeit und Beliebigkeit wirklich zwischen der Wissenschaft einerseits und den unqualifizierten Interpretationen andererseits verläuft, oder ob sie nicht viel fließender ist und die Beliebigkeit die Wissenschaft selbst kontaminiert hat. Das Rennen um den Quotation Index und die Geldgeber einerseits hat ebenso neue Fragwürdigkeiten eingebaut, wie andererseits die Angabe, die ich vor einiger Zeit las, dass gerade mal grob jedes siebte wissenschaftliche Experiment tatsächlich reproduziert wird. Die Reproduzierbarkt, eine Grundvoraussetzung der wissenschaftlichen Methode, bliebe also in ca. 85% der Fälle ohne Verifizierung, weil einer Studie keine Zweitstudie folgt. Mitte der 1990er Jahre kam in Kanada die evidenzbasierte Medizin auf und überraschte uns Laien, die wir dachten, die Medizin sei doch per Definition evidenzbasiert. Wir erfuhren stattdessen, dass nur grob jedes siebte Therapieverfahren wissenschaftlich gesichert ist und dass die Weltgesundheitsorganisation auch nur ca. 15% der etwa 2.000 Wirkstoffe in ihrem Katalog als wissenschaftlich nachweislich wirksam einstuft. Im Kopf des unqualifizierten Laien verdichtet sich langsam ein Bild, dass eigentlich nur ein Siebtel der Wissenschaft tatsächlich Wissenschaft sei. Das Bild ist sicher ungerecht, da es ja immer beispielsweise noch das Sicherheitsnetz der Metastudie gibt, also der Verdichtung aller Studien zu einem Thema.

    Wir als Außenstehende haben dann aber das seltsame Spektakel vor Augen, dass Professoren aus demselben Fach über Dinge streiten, die eigentlich als wissenschaftlich belegt galten (zu Recht oder zu Unrecht), sodass für individuelle Meinungen eigentlich kein Platz mehr sein dürfte. Parallel dazu scheint sich die Halbwertzeit wissenschaftlicher Wahrheiten immer mehr zu verkürzen, möglicherweise in dem Maße, in dem die Insider die Demut gegenüber ihrer Zunft verlieren. Wer am wenigsten an die Wissenschaflichkeit der Wissenschaft glaubt, sind doch möglicherweise die Wissenschaftler, zumindest die echten, die ganz großen.

    Der langen Rede kurzer Sinn: Liefert nicht die Wissenschaft selbst ein paar der Stränge des Seils, an dem sie dann von Interpreten aller Couleur aufgehängt und in alle Richtungen wird?

  3. Dieses Phänomen ist doch nicht nur bei den Wissenschaften zu beobachten, sondern in vielen anderen Lebensbereichen. Nehmen sie mal beispielsweise das Thema Börse. Dort lebt eine überwiegende Mehrheit von „Experten“ von „gesicherten Vorhersagen“, mit denen aktuell Aufmerksamkeit und Geld verdient wird, die aber durch die endlose Hypekarawane, die an den Menschen vorbeizieht permanent durch neue „gesicherte Vorhersagen“ abgelöst wird. Da kommt es auf „Quotenhype“ an, nicht auf gesicherte Erkenntnisse. Je höher der erzeugte Hype, je größer der Gewinn. Bei der Energiewende, in der Flüchtlingsfrage, im Gesundheitswesen usw. kann man gleiche Szenarien erleben, gepuscht von den hypeabhängigen Medien, die eine hohe Hypefrequenz für die Sicherung ihres Geschäftsmodells dringend brauchen.

  4. Nur mal so …

    Ist denn nicht Wirklichkeit sowieso konstruiert?? Und die Landkarte in Hirn und Herz subjektiv? Dann ist es doch fast wurscht, in welcher Blase ich mich befinde. Hauptsache, das ist meine Priorisierung, sie dient achtsam dem größeren Ganzen. Ganz frei nach dem Motto: “Ich leide nicht unter Realitätsverlust – ich genieße ihn”, bekenne ich mich zu meiner “Blase”. Für eine lebenswerte Zukunft – vor allem für die Kinder und Enkelkinder dieses Blauen Planeten.

    1. Das Thema der Verfilmung “The Matrix”. Selbstbetrug (bewusst und unbewusst). Haha – schon reichlich nah an der Satire. Im Karneval hat man ja auch Narrenfreiheit. Die Blickwinkel von zwei Menschen sind allzu oft so unterschiedlich, dass für den einen Krieg ist, was für den anden Frieden (oder eben sicher gerechtfertigte Verteidigung) bedeutet. Die Probleme zwischen diesen Menschen (oder Völkergruppen) fangen meist ganz klein und scheinbar harmlos (fast unmerklich schleichend) an. Vieles bleibt zuerst subtil (versteckt) bis es sich später offenschtlich bahn bricht und schon längst unaufhaltsam geworden ist, der Freelancer hat Erfolg wie früher der Scharlatan oder fällt vor Überanstrengung (Selbstausbeute) tot um oder wird depressiv… tricksen meinen sie schon immer fast alle (zum Selbsterhalt und zur Bedürfnisbefriedigung) zu können, zu dürfen, irgendwie wurschteln sich 50% durch und die ehrliche Haut kann in der Haifischwirtschaft wenigstens hoffentlich noch ruhig schlafen…

      Wer meint Kinder könnte man unter anderm mit einen Vorbild führen, der liegt falsch, denn nur durch das Vorbild führt man Kinder (Mitarbeiter, Völker, etc.). Sinngemäß soll das so von Einstein übertragen worden sein. Egal woher, dem stimme ich zu. Wer seine Konstruktion nicht ständig auf Sinnhaftigkeit und Selbstbetrug überprüft kann aus meiner Sicht kein gutes Vorbild sein. Die Art, wie der Mensch sich die Erde untertan macht hat so auch etwas (Menschen)Verachtendes an sich, leider. Genau an dem Punkt wo der andere als Feind tituliert und (womöglich nur indirekt) dessen Lebensraum zunichte gemacht wird.

      Ein Hoch auf die Authentizität, zumindest ein wenig mehr wieder mal davon tut heute gut, aber selbst die können viele heute gut spielen oder konstruieren… Es gibt aber auch heute noch echte Vorbilder, mit Sicherheit!

  5. Diese “Lehren” tragen die gleichen Züge wie alle anderen Heilslehren auch: Kaum nachprüfbar, für den Laien mystifiziert hier durch einen wissenschaftlichen anstatt eines zB religiösen Mantels. Die Menschen wollen glauben! Und diejenigen, die nicht mehr an Religionen oder göttliche Mächte glauben, suchen sich halt Ersatzlehren. Potenziert wird das Ganze durch unsere Medien: Je mehr Leute etwas behaupten, umso wahrer muss es ja schliesslich sein…..-:))

  6. Kahneman’s und Tversky’s Gesetz der kleinen Zahlen, ein halbes Jahrhundert alt und scheinbar aktueller denn je 🙂

    Vielen Dank für Ihre Beiträge!

  7. “eine Art von Kompromiss zwischen Mammut, Banane, Lohndumping und Smartphone”
    Danke für diesen erneut erfrischenden Gedankenansatz.
    Sehr feine Formulierungen und extrem deutliche Sprache, Chapeau!! (-:

  8. Ich bin begeistert. Leider kann man das den Anhängern der verschiedenen wissenschafts-Sekten kaum verständlich machen. Ich fasse das gerne in die Erkenntnis zusammen „Der Menschenverstand war noch nie gesund.“

    1. Na, im Einzelfall gelegentlich schon, hoffentlich, irgendwie? Der eine in jedem Fall gesünder als der anderer. Die Summe macht den Unterschied. Bzw. ist nur ein Apfel in der Kiste faul, dann sind es auch schnell alle anderen.

      Gesund für die Erde scheinen diese Menschenhorden zumindest nicht zu sein, würde ich sagen.

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