DD310: Wollen oder Müssen? Die Digitalisierung in Unternehmen am Beispiel von Oma & Enkel (Januar 2018)

Share on twitter
Twitter
Share on facebook
Facebook
Share on linkedin
LinkedIn
Share on xing
XING

„Oma, ich suche mir gerade auf dem Computer Apps raus, Spiele und Videos. Ich freu mich so auf Weihnachten, Oma, so sehr!“ – „Kind, es ist doch noch lange hin bis Weihnachten, und wir haben gesagt, dass du ganz bestimmt kein neumodisches Telefon bekommst.“ – „Doch habt ihr. Ihr habt gemeint, dass ich schon seeehr brav sein müsste, dass ich eins bekomm.“ – „Und bist du sehr brav?“ – „Vielleicht nicht, aber das sagen Pa und Ma immer so, wenn sie nicht glatt nein meinen und rumstreiten wollen wie seit zwei Jahren. Ich bin schließlich schon erwachsen.“ – „Du wirst zehn!“ – „Ich bin dann Teenager.“ – „Na, gerade so. Ich weiß aber wirklich nicht, ob du so etwas haben solltest. Du kannst damit gar nicht umgehen.“ – „Das lerne ich doch gerade, Oma. Ich kenne alle Internettarife und ziemlich viele Apps. Ich schaue mir die Smartphones von allen Älteren an, wie gut die zu mir passen. Ich suche welche, die schon mit den Apps was machen, die ich auch gerne hätte. Bei Pokémon Go kostet es auch was, wenn ich viele Eierbrüter haben will. Oma, du solltest mehr Sport machen, wenigstens länger spazieren gehen. Dann sind die Eier jeden Tag fertig gebrütet und ich kann in meiner Klasse super gut dastehen. Die anderen haben keine Oma, die viel rumläuft. Du kannst mir auch Münzen kaufen, damit ich viele Eierbrüter kriege. Du bist dann mein Eggwalker.“ – „Was ist denn ein Eggwalker?“ – „Na, wie ein Dogwalker, das sind Leute, die in Amerika die Hunde spazieren führen und damit Geld verdienen. Bei Pokémon Go bekommst du neue Pokémon, wenn du mit dem Phone ein paar Kilometer läufst.“ – „Bekomme ich dann auch Geld für das Phone-Ausführen?“ – „Oma! Du bist doch lieb! Schau mal, ich kenne vom Zugucken bei den anderen in meiner Klasse schon alle 370 Pokémon, alle! Soll ich sie dir aufzählen? Also: Pikachu, Bisasam, Glumanda, Schiggy, …“ – „Hilfe, ich glaube es ja!“ – „Oma, ich kenne alle Entwicklungsstufen, Typen, Skills und Kraftpunktwerte, ich weiß, welcher Skill von jedem der 370 gegen jeden anderen der 370 angewendet werden muss, Oma…! Oma, hör doch zu! Ich habe so irre viel nur allein von der einen einzigen App gelernt, dass ich ganz bestimmt nicht digital dement werden kann. Das denkt die Lehrerin sich so, die spinnt. Sie sammelt Falkpläne, weiß aber echt nichts. Sie hat keine Ahnung, wo die Pokéstops sind. Oma, ich will auch englische Videos anschauen, von Katy Perry oder so. Am einfachsten lernt man Englisch von einem – weiß nicht wer das ist – Oettinger oder so, sagen sie alle, er spricht etwa so gut wie ältere Englischlehrer ohne Apps.“

Foto: Pixabay

„Oma, pass auf, wir haben jetzt alle ein SmaPho und posten über WhatsApp, da musst du jetzt mitmachen, sonst bist du raus, sagt auch Papa.“ – „Das kommt nicht in Frage, ich habe gesehen, was ihr da Dämliches schreibt – ‚schönes Wetter’-Blabla und dann schickt ihr Bilder vom Essen, das ist dumm.“ – „Mama sagt, du schreibt dasselbe auf ziemlich viele Postkarten, das ist auf die Dauer zu teuer. Du kannst dann auch auf dem Handy ganz altes Zeug gucken, Loriot oder Sarah Neander. Du kannst mit Tante Else und Opa Kurt whatsappen, die haben schon Smartphones.“ – „Mit denen habe ich keinen Kontakt, sie erwidern die Postkarten nicht, sie schneiden mich.“ – „Nein, Oma, du whatsappst nicht. Hier ist mein letztes iPhone, Oma, das haben wir für dich gedacht.“ – „Und was soll ich damit anfangen?“ – „Da ist Whatsapp drauf. An wen willst du was schreiben? Opa Kurt?“ – „Nein, nein, ich weiß doch nicht was.“ – „Schreib doch: ein Klavier, ein Klavier.“ – „Ah, von Loriot!“ – „Ja, tipp es hier ein.“ – „Oh, mach du es erst für mich, ich traue mich nicht.“ Zwei Tage später.

„Das iPhone ist kaputt. Das ist ja mal ein richtiges schönes Geschenk von euch. So ein Mist, keine Qualität.“ – „Ist es aufgeladen?“ Drei Tage später: „Alle im Heimatverein haben Smartphones und nur ich habe ein iPhone, wie stehe ich jetzt da!“ Zwei Wochen später. „Ich finde es sehr umständlich, das Phone und mein altes Tastentelefon gleichzeitig herumzuschleppen. Es müsste dafür ein einziges Gerät geben, das gleichzeitig whatsappen und telefonieren kann.“ – „Oma, schau, so kannst du mit dem Phone telefonieren… Hast du denn gar nicht gemerkt, dass das alte Telefon abgemeldet ist und gar nicht funktioniert?“ – „Nein, schau, es ist aufgeladen. Es funktioniert.“ – „Aber du kannst damit nicht mehr anrufen.“ – „Will ich ja auch nicht.“ Einen Monat später. „Oma, warum antwortest du nichts? Oma?“ – Stille. „Oma?“ – „Ich will nicht immer erreichbar sein, sonst werde ich dement, hat ein echter Professor gesagt. Das mit Whatsapp ist so eine Mode, die schnell vergeht. Ich habe es ja auch nur ein paar Tage mitgemacht.“

Warum schreibe ich das? Erkennen Sie den Unterschied zwischen Wollen und Sollen oder gar Müssen? Diese Neugierde und Erwartungsfreude auf der einen Seite und die unwillige Nichtwirklichakzeptanz auf der anderen?

„Echt jetzt“: Vor meinen Reden werde ich jedes zweite Mal vom einführenden Moderator gefragt: „Ist die Digitalisierung nun ein Fluch oder ein Segen?“ Und ich antworte tapfer, dass diese Frage das Problem sei. Oh je. „Ist Digitalisierung eine Chance oder ein Risiko?“ – „Welche Vorteile und Nachteile hat Digitalisierung für mich persönlich?“ – „Wird es eine digitale Spalte zwischen Kids und Oldies geben?“ – „Ist es nicht ungerecht, dass die, die ihre Chancen nutzen, im Vorteil sind?“ Aber die Frage „Kommt die Digitalisierung wirklich?“ wird nicht mehr so oft gestellt, immerhin. Aber mich graust es doch ein bisschen, denn ich habe seit 1987 eine eMail-Adresse und bin im Netz. Das sind nun schon 30 Jahre. In acht Wochen 31.

 

 

Share on twitter
Twitter
Share on facebook
Facebook
Share on linkedin
LinkedIn
Share on xing
XING

16 Antworten

  1. Muss denn jede Oma argumented reality affin sein? “Oma, warum antwortest Du nichts?” zeigt die inner-familiäre Tragik auf. Das Kind zeigt seiner Oma seine Welt. Die Oma interessiert sich aber nicht für das Thema, das das Kind interessiert. Andersherum übrigens genauso, beide beurteilen sich abwertend. Schade, aber insgesamt – also aus digitaler Sicht – werden wohl beide, die Oma wie das Kind irrelevant, da sie Menschen sind und in der Gleichung nicht vorkommen. Dank für die Anregung Herr Dueck!

    1. Da geht es ums iPhone. Mit einem Android wäre das natürlich nicht passiert! Google kann Karat… ähhh … Deep Learning und würde Ihnen direkt den richtig geschriebenen Namen anzeigen. Rechtschreibung ist etwas für Computer.

  2. Einfach herrlich! Es wird Zeit, dass Sie einen Literaturpreis erhalten. Vielleicht gibt es eine Person in Ihrer Verteilerliste, die Sie dafür vorschlagen könnte. Ich würde es Ihnen auf jeden Fall gönnen!
    Weiter so ! 🙂

  3. Vielleicht sollte die Oma sich mal zeigen lassen, wie man z.B. auf Aufgabenblättern in der Schule mit augmented reality Lösungsansätze plazieren kann oder wie viel Spass es Schülern macht, Buchhaltung oder Vokabeln mit Kahoots zu üben – da ist das “wollen”. Es macht den Schülern sogar Spaß, selbst Unterlagen und Vokabeltests zu gestalten – Hausaufgaben, die sie gerne zeigen.
    Die “leuchtenden” Augen habe ich gesehen als ich fragt, ob die Schüler den Lehrern (die, die Handys für Teufelszeug halten :-)) mal zeigen wollen, wie man mit Tablet / Smarphone besser lernen kann.
    Adopt whats useful – lasst doch einfach jeden das machen, womit er sich wohlfühlt.
    Wichtig ist, was hinten rauskommt 🙂

  4. Wollen und Müssen hängt vom persönlichen Nutzen ab.
    Und nicht alles ist für jeden nützlich.
    Im Grunde ist sogar die Differenzierung in online/digital und offline/analog sinnvoll und sowohl geistig als auch ökönomisch nützlich.

    Nerds müssen sich eben Gedanken über die Nutzer machen. Nomral, oder?

  5. Übertreibung ist zwar ein Stilmittel der Satire, aber es sollte ja schon eine vorstellbare Ausgangssituation sein. Oma eines 9 jährigen wäre so etwa meine oder Deine Frau, meine Schwester oder viele Bekannte von mir oder meiner Frau, die jetzt auch in Rente gegangen sind. Alle, die ich dort kenne, sind heftig digitalisiert, mit Smartphone und Zahlreichen Apps unterwegs, kommunizieren fast alle mit WhatsApp mit ihren Enkelkindern. So total uninformierte Leute kenne ich nicht. Vielleicht passt es ja auf Deine Großmutter?

    1. Nun ja: Ich kenne Mitt-Fünfziger, die sich immer noch weigern, WhatsApp zu benutzen. Und Gegenden in MeckPomm, wo man keine Videos schicken kann, auch wenn man es wollte, weil es das Netz nicht hergibt…

  6. Ach wie herrlich lustig. Ernsthaft lustig. Nennt man, glaub ich, Humor, Satire oder so… Erinnert mich an meine Mutter (bald 80). Dennoch waren sie und ich froh, dass ich mit ihr Erlebnisse und Fotos meiner letzten großen Fernreise per messenger teilen konnten. Wenn auch”nur” mit einem tablet…

  7. Mein Enkel ist zwar schon etwas größer. Als Neunjähriger hätte er vielleicht nicht mit mir sondern seiner anderen Oma in ähnlicher Weise ein Smartphone schmackhaft gemacht. Ich selbst bin 81 Jahre alt und beschäftige mich berufsbedingt schon über zwei Jahrzehnte mit der digitalen Welt. Meine Bekannten in ähnlichem Alter versuche ich diese Welt noch schmackhaft zu machen, da sie ansonsten der abgehängten Generation angehören.

  8. Leider bin ich erst jetzt dazu gekommen, dieses DD zu lesen. Das ist ja eine schöne Story die wsich auch gut liest, aber in der rauen Wirklichkeit wird sie den statistischen Durchschnittsgroßeltern (meine Generation) sowie den statistischen Durchschnittsenkeln nicht gerecht. Die meisten mit bekannte Großeltern haben heute die ganze Palette von IT-Schnick-schnack und nutzen die auch – und das keineswegs nur zum Spielen. Auch der Anteil der Großeltern, die so ungefähr wissen, wie das falles funktioniert, dürfte größer sein, als bei den Enkeln. Digitalisierung ist nicht nur Pokemon et al, sondern vor allem knallhartes Business weit jenseits von Chats, Likes und Spielen. Und genau da sollten unsere Sorgen anfangen: Wer nicht mehr weiss, was er da wirklich macht und machen kann, für den ist Digitalisierung nichts weiter als ein bißchen Spiel und Spass und eine gigantische Litfasssaäule namens Internet; für innovation z.B. bleibt da kein Spielraum.
    Die Digitalisierung ist für unsere Zukunft unbestritten von größter Wichtigkeit. Aber ob wir zu den Gewinnern oder Verlierern des Digitalisierungswettbewerbs gehören werden, wird nicht auf der Consumerseite entschieden. Deshalb wäre es für unsere Gesellschaft wünschenswert, wenn der Enkel seiner Oma erklären könnte, wie Quantencomputing funktionirt. Kann er aber höchstwahrscheinlich nicht. Ich würde sogar wetten, dass es (leider) mehr Omas und Opas als Enkel gibt, die das könnten. Insofern, lieber Herr Dück, liegt das Problem bei den Enkeln, und nicht (wie dieses DD suggeriert) bei den Omas.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.