DD193 Der Höherwertigkeitskomplex

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Der Höherwertigkeitskomplex und Postzenitis (Daily Dueck 193, Juni 2013)

 

Alfred Adler, der Urvater der Individualpsychologie, hat uns den Begriff Minderwertigkeitskomplex als Fachwort geschenkt. Menschen empfinden bei Unvollkommenheiten und Fehlern dieses nagende Gefühl, nichts wert zu sein: nicht schön, nicht klug, nicht witzig, nicht befördert. Alleweil zucken sie bei einem neuen Anzeichen von eigenem Minderwert und werden dann in verschiedensten Formen zum sozialen Ekel. Insbesondere hassen sie die Höherwertigen und kritteln lustvoll an ihnen herum. Kein Zureden hilft: „Nobody is perfect!“, wird ihnen oft erfolglos zur Beruhigung eingetrichtert.

 

Das Wort Höherwertigkeitskomplex gibt es gar nicht wirklich. Es kam in jüngster Zeit als italienische Übersetzung ins Deutsche, weil Silvio Berlusconi sich selbst einen Höherwertigkeitskomplex attestierte. Er wird zitiert: „Wenn ich mich umblicke, sehe ich keine bessere Regierung als meine eigene. Ich habe einen Höherwertigkeitskomplex, den ich nur schwer im Zaum halten kann.“

 

Es gibt unvollkommene Menschen und auch ziemlich vollkommene. Sie können im Prinzip ihre Schwächen und Stärken einschätzen lernen und damit vernünftig leben. Oft aber leiden sie eben darunter. Es ist klar, dass man unter Minderwertigkeit leiden kann – fast jeder hat diese schreckliche Krankheit zum Seelentode schon mitgemacht.

Ganz genauso stelle ich mir aber auch ein Leiden an einem Höherwertigkeitskomplex vor. Sehen wir das nicht an den mindestens zeitweise als vollkommen wahrgenommenen Stars? Die werden als „perfekt“ verehrt, umjubelt und gefeiert. Insbesondere werden Menschen als perfekt angesehen, die sich ständig verbessern (!). Wenn sie nicht mehr besser werden oder sogar abfallen, beginnen wir, an ihnen herumzukritteln. „Er hat seine beste Zeit gesehen.“ – „Der Lack ist ab.“ – „Jede Madonna wird alt.“ – „Ist gut, immer noch, aber out.“ Das tut weh!

 

Schauen Sie um sich herum: Die Unternehmen erklären sich wie die Stars für perfekt. Eltern sind Sonne und Sterne der Kinder. Kleine blicken zu Großen auf, zu Kindergärtnern und Lehrerinnen. Neueingestellte nehmen sich in vollem Saft stehende Koryphäen zum Vorbild, Studenten staunen ihre Professoren an. In allen diesen Lebenslagen kommen leicht Momente im Leben, an denen der Lack abblättert. Kinder werden (z.B. 1965 als Pop-Fans und heute als Digital Native) groß und sehen die Eltern und Lehrer mit anderen Augen. Unternehmen, die einst Marktführer waren, werden von technischen Revolutionen und neuen Marktmoden düpiert. Manager werden irgendwann einmal nicht mehr befördert – also nicht mehr vollkommen! Spitzensportler erringen keine neuen Rekorde mehr… Ja, und wir alle werden ganz einfach wirklich alt – auch Madonna, und wir erleben den Abschwung.

Wer damit nicht umgehen kann, leidet daran. Das ist der Höherwertigkeitskomplex. Der einst Vollkommene wird krank, weil er „es“ nicht wahrhaben will. Jede realistische Einschätzung von außen wirkt auf ihn wie ätzende Kritik. Der nun Kranke zuckt nun bei jeder Äußerung, die seine Vollkommenheit in Frage stellt. Er wehrt sich, verliert alle Kritikfähigkeit und nutzt alle Restmacht der Vollkommenheitszeit aus, sich rächend zu behaupten.

Eltern stellen sich den Heranwachsenden nicht mehr und attestieren ihnen lieber „Pubertät“. Einst führende Unternehmen höhnen über das Neue. Verlage lachen über unhaptische Elektronik, Banken über die fehlende Beratung im Internet, alt gewordene Unternehmer über die neuen Gedanken der neuen Generation – sie trauen den Töchtern und Söhnen nicht über den Weg, wenn die etwas ändern wollen. Professoren hadern mit den jungen Forschern, die sich in absurde Modefächer verlieben. Apple schießt in den Himmel und ein paar Monate später kommt Samsung – und man merkt, dass Apple beginnende Anzeichen eines Höherwertigkeitskomplexes zeigt – den Sony oder Microsoft schon vor geraumer Zeit an den Tag legten…

 

Schauen Sie sich um – noch einmal: Wir sind vom Höherwertigkeitskomplex geradezu überschwemmt! Merkt das keiner? Warum erst Berlusconi – ganz unbewusst? Leiden denn nicht alle Erwachsenen, Alten, Eltern, Manager, Höheren, Marktführer, Ambestenwisser, Schönen, Stars, Sportler irgendwann daran? Früher wurde das mit dem Wort „Vergänglichkeit allen Seins“ bezeichnet – ich muss dabei immer an Andreas Gryphius denken, dessen Namen mein damaliges Gymnasium neben das Wort Vergänglichkeit gepflanzt hat. Vertragen Sie vier Zeilen aus „Alles ist eitel“?

 

Was itzund prächtig blüht, soll bald zertreten werden.
Was itzt so pocht und trotzt ist morgen Asch und Bein
Nichts ist, das ewig sei, kein Erz, kein Marmorstein.
Itzt lacht das Glück uns an, bald donnern die Beschwerden.

 

Damals klagten die Dichter und litten so tränenreich. Sie hatten die Vergänglichkeit erkannt! Aber die „Eitlen“ litten unberührt unter dem Höherwertigkeitskomplex, vor dem die Dichter sie bewahren wollten und Demut vor dem Ewigen predigten.

Heute redet niemand von Vergänglichkeit mehr, wir betreiben Lebensverlängerung. Wir überqueren trotzdem unseren Zenit und werden davon krank. Wir versuchen, uns an die einstige Vollkommenheit zu klammern, wir schminken uns, verlachen das Kommende, bekämpfen es bald und beißen für lange Zeit schon vor dem Tode grimm ins Gras.

 

Warum gibt es den Höherwertigkeitskomplex noch nicht als heilbare Krankheit? Postzenitis? Brauchen wir nicht eine Behandlung für den Moment, an dem hoher Mut in Hochmut umschlägt?

Höherwertige aller Farbschattierungen: Es gibt Frühling, Sommer, Herbst und Winter.

Und Ewiges gibt es auch – außerhalb des eingebildet Vollkommenen.

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12 Antworten

  1. Sehr geehrter Herr Dueck,
    ich bin von Anfang an ein treuer Leser ihrer Kolummne…diese hier aber ist mit eine der Allerbesten…weiser Pragmatismus, so hatte auch Alfred Adler gewirkt, in Bayern sagt man: „ewig und drei Tag“, sodaß die Ewigkeit besser faßbar war…
    Vielen Dank dafür
    Ihr
    Wolfgang Marquardt

  2. Hallo, ich bin kreativ berührt und schreibe einfach mal ein paar Gedanken auf 🙂 Baut man das Wort „Eitle“ an einer Stelle um, erhält man „Elite“. Das Elite-Zugehörigkeitsgefühl und elitäres Denken scheinen oft vererbt und nicht selbst erworben zu sein. Ob ein Erbe sich würdig erweist oder sich mit einer Erbkrankheit belastet, bleibt individuell. Mein Wunsch ist, daß Menschen ein besseres Gleichwertigkeits-Gefühl entwickeln auch wenn Fähigkeiten und Möglichkeiten naturgemäß verschieden verteilt sind. Jeder hat Stärken, die er teilen kann. Ich bin der Überzeugung, daß Menschen sehr stolz darauf sind, wenn sie mit eigener Stärke andere unterstützen können. Wenn Andere dieses Vorbild-Verhalten imitieren, bekommt der Starke das Gefühl das Andere es ihm gleich tun. Gleichwertigkeit auf starkem Niveau herzustellen ist die Herausforderung. Liebe Grüsse M.

  3. Bei der Krümmung der Erdoberfläche ist klar, daß eine ausschließlich lineare Extrapolation über einige Distanz schnell zum „Abgehobensein“ führt! 🙂

  4. Wie wahr.

    So ein Höherwertigkeitskomplex hat immer auch ein bisschen was von Dünkel, Arroganz und fehlender Augenhöhe.

    Von oben wird nach Kräften rapunzelt: herablassend nach Aufforderung.

    Irgendjemand, durch Postzenitis traumatisiert, zieht dann am herabgelassenen Zopf – und dann zeigt sich die eigentliche Tragik der Höherwertigkeitskomplexierten: in der Fallhöhe.

    Anders als im Tennis gibt es keinen zweiten Aufschlag.

  5. Lernen wir nicht schon als Kinder, daß Hochmut vor dem Fall kommt? Ihr Text, lieber Herr Duck, ist eine schöne Zusammenfassung des Eitel-/Elite-Wahns, dem wir uns -gefühlt- zunehmend und verstärkt gegenüber zu sehen meinen. Aber er ist dann doch nicht wirklich neu. Denn so wie Aristoteles schon über die Jugend schimpfte und sie als zusehends „unerträglich, unverantwortlich und entsetzlich“ wahrnahm (also wie wir heute auch), so ist auch die Selbstüberhöhung schon den alten Griechen bekannt gewesen. Dort gab es die Nemesis zur Läuterung. Bei uns braucht es Psychologen. Oder eben den Fall.

  6. Jetzt fehlt nur noch der passende Bibelvers dazu und fertig ist die Predigt. 😉

    Es spricht eine Stimme: Predige!, und ich sprach: Was soll ich predigen? Alles Fleisch ist Gras, und alle seine Güte ist wie eine Blume auf dem Felde. Das Gras verdorrt, die Blume verwelkt; denn des HERRN Odem bläst darein. Ja, Gras ist das Volk! Das Gras verdorrt, die Blume verwelkt, aber das Wort unseres Gottes bleibt ewiglich. (Jesaja 40,6-8)

  7. Lieber Herr Dück,
    nach meinem ersten Erlebnis, als ich Sie „in Echt“ erleben durfte, bin ich Leser Ihrer Veröffentlichungen, die in Frage stellen, zum nachdenken oder sogar zum nachmachen des Nachgedachten anregen. Ihre Texte sind besonders“ Im Zusammenhang mit diesem Text hier, fiel mir ein Filmfestival ein, das unter dem Titel „Übermacht“ vor einigen Jahren lief und ich fand Parallelen zu Ihrem Text, denn Macht und Intelligenz sind nicht immer ein Paar, und Menschen, die andere (Menschen mit Behinderung vielleicht, oder alte Menschen) mit geringer oder gar ohne Wertschätzung sehen, haben dann den „Höherwertigkeitskomplex“, oft scheinbar unheilbar und leider zum Schaden der scheinbar „Minderwertigen“.
    Vielen Dank für Ihre Veröffentlichungen und ich freue mich schon auf den nächsten Text.
    Mit den allerbesten Grüßen!
    Torsten Hansen

  8. Vielen Dank für Ihren inspirierenden Artikel. Höherwertigkeitskomplex ist ein sehr treffender Begriff unserer gesellschaftlichen Strömung. Nie ist man gut genug, nie ist etwas gut genug, wenn man den Aussagen anderer Glauben schenkt. Kein Wunder, dass es so viele psychischen Probleme gibt und man irgendwann erschöpft oder ausgebrannt ist.

    Es kann kein immer besser geben. Höchstens man selbst kann an sich arbeiten und sein wahres Selbst zum Leben erwecken und sich damit zu seiner wahre Größe entwickeln. Es kann aber nie im Sinne aller wahre Größe sein. Das bedeutet sowieso für jeden etwas anderes.

    Wer danach strebt, im Außen für den Besten gehalten zu werden, der kann nur scheitern. Es ist unerfüllbar. Also lösen wir uns von den Meinungen und Kritiken anderer und suchen wir das Beste in uns selbst und akzeptieren wir, dass dazu auch die ein oder andere Schwäche oder Macke gehört. Doch selbst das kann auch seine guten Seiten haben wie auch eine Stärke je nach Situation auch eine Schwäche sein kann.

    Wer sich selbst wertschätzt und achtet mit allen seinen Facetten, wer sich innerlich stärkt und weiterentwickelt, der wird auch im Alter mit sich kein Problem haben, weil er es nicht nötig hat sich mit anderen zu vergleichen oder besser als anderer sein zu müssen.

    Er weiß, dass er SEIN Bestes in sich trägt.

  9. „Postzenitis“ – genial! Kommt sofort auf meine Liste.
    Und da sag´ noch einer, Naturwissenschaftler seien so unkreativ …

    Postzenitis halte ich persönlich für weitgehend altersunabhängig. Ich kenne so einige, die schon in ihren Zwanzigern daran leiden: halten sich für ultramodern, möchten aber das PC-Betriebssystem nicht auf die neueste Variante umstellen („alles Mist, war früher besser“). Tja, früher war eben alles früher 😉

    Danke für Ihre Gedanken!
    Andrea Susan Nolte

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