DD339: Identifikation von Bullshit und Wert

Share on twitter
Twitter
Share on facebook
Facebook
Share on linkedin
LinkedIn
Share on xing
XING

Dieses DD ist ein „Reprint“ eines Teasers für meinen Vortrag bei der re:publica 2019. Das Original von erbetenen 600 Wörtern erschien kurz vorher im Netz, bei Xing Klartext. Die Rede zu diesem Text lege ich Ihnen natürlich ans Herz. Daher finden Sie unten den Link zu Xing und den YouTube-Link zum Video meiner Rede. Auf Twitter meint der User „Einstweiliges“: „Auf der rp19 nimmt sich Gunter Dueck Zeit für unsere Instinkte, schlägt nebenbei eine neue Psychologie vor und unterhält tiefgreifend.“ Da fühle ich mich verstanden. Ich fürchte, das Neue ist ein bisschen im Unterhaltenden untergegangen. Über die „Seismographen“ oder die „Sensoren“, wie man heute eher sagt, habe ich länger in meinem Hauptwerk Omnisophie geschrieben. Tenor: Wir haben DREI Rechner in uns. Einer funktioniert wie ein PC (das ist der, den die Schule füttert), einer wie ein neuronales Netz (Kunst, Kreation, Ethik) und eben einer wie das „Internet der Dinge“, ein Sammelsurium von ererbten, erworbenen und eingeimpften Instinkten, die uns blitzschnell warnen, aufmerksam machen und in eine andere emotionale Stimmung bringen. Diese Instinkte spielen nun beim Surfen eine zu dominante Rolle.

Darum geht es also:

Erkennen Sie Bullshit und Wert?

Können Sie den Bullshit filtern?

Wie Sie Bullshit von Wert unterscheiden

Warum wir Menschen uns so gern aufregen

Wir erkennen in uns:

  • Innerhalb einer Sekunde entscheiden wir über Like oder Dislike
  • Dabei leiten uns unsere Vorurteile, also das Erlernte, wie ein Kompass
  • Leider sehen wir prozentual gesehen immer weniger Wunderbares auf der Welt

Und dazu muss ich etwas sagen:

Mist! Mist! Schon wieder Mist! Verdammt! Was von all dem Mist um mich herum verdient meine Aufmerksamkeit? Ich sehe überall „Flachsinn“ – ein Buchtitel vom mir. Das war der Werbeblock! Bitte bleiben Sie dran.

Die durchschnittliche Aufmerksamkeit des neuen Medienmenschen soll nur acht Sekunden betragen – also etwa gleichauf mit der des Goldfisches liegen. Daher muss die Werbung in den ersten acht Sekunden erfolgen, sonst wird sie nicht wahrgenommen. Den Rest dieses Artikels lesen Sie wahrscheinlich nicht mehr, weil gerade acht Sekunden rum sind. Tja, ich muss aber einen längeren Text schreiben, weil er hier sonst nicht erscheint. Mist.

Unsere Einschätzung teilt sich in Filterzeit und Verweilzeit

Alle diese Sekundenzahlen scheinen aus so genannten Studien zu stammen. Ich würde ja eher vorschlagen, die mit Medien verbrachte Zeit in Filterzeit und in Verweilzeit/Vertiefungszeit einzuteilen. Ich brauche doch schließlich einen gewissen Prozentsatz der Zeit, um zu entscheiden, wo ich verweilen möchte und wo nicht. Es stellen sich Fragen:

  • Wie lange dauert es anteilig, Bullshit und Wert zu trennen?
  • Welcher Algorithmus in mir entscheidet das?
  • Ist der überhaupt gut? Ist er schnell?
  • Was passiert im Gehirn? Wenn man filtert, scheint die Stirn in Falten zu liegen; wenn wir verweilen, lächeln wir selig oder hassen zutiefst; wenn wir vertiefen, schauen wir neugierig staunend oder suchen nach Gegenargumenten.
  • Wie reagieren wir, wenn wir Bullshit oder Wert entdeckt haben? Was machen wir mit dem Durchschnittlichen?

Quelle: Gunter Dueck Privatfoto (bei Pixabay hochgeladen)

Unsere Reaktionen konditioniert man in uns hinein

Vor 25 Jahren habe ich mich als Wissenschaftler längere Zeit mit Identifikationsalgorithmen befasst. Die besten mathematischen Lösungen könnten in unserem Körper stecken, das fühle ich jedenfalls in meinem. Wenn wir Extremes, egal ob Bullshit oder Wert, wahrnehmen, zuckt der Körper instinktiv. Hui, das waren acht Sekunden Wissenschaft, ich hätte eine Warnung voranstellen sollen. Zu spät. Noch acht Sekunden: Es gibt eine „Hypothese der somatischen Marker“ (siehe Wikipedia), dass physiologische Reaktionen im Körper mit Emotionen verknüpft sind. Viele davon erben wir, viele erwerben wir und wahrscheinlich noch mehr davon konditioniert man in uns hinein. Man nennt es Kultur.

Die guten Identifikationsalgorithmen ähneln frappierend den Entscheidungen nach Vorurteilen. Neonmagentafarbener Kuchen zum Beispiel „schmeckt nicht“. Kackbrauner Kuchen ist „lecker“. Wenn die Internetministerin Rohrpost lobt, landet das „generell auf der Bullshit-Liste“. Es gibt Studien, die besagen, dass Zuhörer einer Rede nach einem Sekundeneindruck der Körpersprache entscheiden, ob sie dem Vortragenden zuhören wollen oder nicht! Ich will sagen: Die Algorithmen in uns, die Bullshit und Wert heraussuchen, haben mit Körperreaktionen zu tun. Sie sind kein Kopfprogramm. Ist etwas Bullshit? Dann zeigt sich das durch Ärger, Wut, Hass, Ekel, Widerspruchsgeist und innere Flüche. Auf etwas Wunderbares folgt genießen, nicken, zustimmen, Seelenharmonie, ein Like, Smiley oder Herzchen. Diese Identifikation geschieht blitzschnell. Bullshit versus Wunderbares – alles andere ist „Durchschnitt“ und muss wegen der schieren Masse ignoriert werden. Nichts zuckt.

Haben Sie einen guten Algorithmus?

Da es prozentual gesehen für uns immer weniger Wunderbares auf der Welt gibt, finden wir eher Bullshit. Wir reagieren darauf mit zeitraubender und hirneintrübender Trollfütterung, weil das physiologisch unsere somatischen Marker beruhigt. Wunderbares braucht keine weitere Reaktion als ein Smiley, Like oder Share beziehungsweise Neugierde und Mehrwissensdurst.

Die trumpenden Medien spielen mit unserem Körper, in dem dieser Algorithmus steckt. Sie suchen Profite und Werbetäuschung. Was macht Ihr Algorithmus damit? Haben Sie einen guten? Kennen Sie ihn? Wie reagieren Sie? Ist die Kenntnis ihrer Körperreaktionen nicht schon ein guter Teil des „Erkenne Dich selbst“? Wollen Sie so weiterleben? Echt? Mit dem ganzen Bullshit in Meetings, in der Politik, der Umwelt, in der auf Leistung angelegten Schule oder der Credit-Point-Uni? Da zuckt Ihr Körper bald nur noch schwach, es ist zu viel. Wir sind verdrossen. Wir reagieren nervös, der Hasslevel steigt. Es geht uns gut, sagt der Kopf, aber die Identifikationsalgorithmen im Körper warnen vor Bullshit im Dauerton. Mist. Ich würde Sie gerne mit diesem Thema länger quälen, aber ich soll nur 600 Wörter. Mist.

Hier ist der Link zu Xing:

https://www.xing.com/news/klartext/haben-sie-einen-guten-bullshit-filter-3223

https://www.xing.com/news/klartext/haben-sie-einen-guten-bullshit-filter-3223

Hier geht’s zur re:publica und zum Anschauen:

Share on twitter
Twitter
Share on facebook
Facebook
Share on linkedin
LinkedIn
Share on xing
XING

5 Antworten

  1. Online Medien leben von Werbung. Die Nutzer sehen aus Sicht der Medien mehr Werbung wenn sie mehr Zeit auf der Seite verbringen. Mehr Zeit verbringen Nutzer dann, wenn Sie Emotionalisiert werden. Dies gelingt nur durch schlechte Nachrichten, da hier unser „Fluchtsystem“ aktiv ist.

    Dieses Muster kann nur durchbrochen werden, wenn der Nutzer sich dies bewußt macht und sein Verhalten danach ausrichtet.

    1. Sehr richtig! Ich meine sogar etwas verschärft: Online-Medien leben von manipulativer Werbung. Wie sonst könnten wir genau das übersehen und diese Plattformen als „Soziale Medien“ bezeichnen. WhatsApp & CO sind wohlschmeckende Köder. Gefangen werden sollen die Entscheidungen des Menschen am Angelhaken.

  2. Ich würde gerne zusammen fassen:
    Denken tut meist weh – kann aber oft ungemein helfen ;-).

    Über die Tasten zuckender Zusatz:

    Wenig muss, aber viel kann durch uns passieren. Mit der Zeit unterschieden wir uns extrem vom Affen (Affengruppen), weil wir gelegentlich etwas extrem gut können, nämlich über uns selbst und unsere Umwelt in großen Zeithorizonten nachdenken anstatt nur kurzzeitig neuronal zu zucken, das macht auch menschliche Gefühle subtiler als die der Tiere, aber es werden wahrscheinlich dadurch nicht grundsätzlich mehr Gefühle sein oder andere (Massentierhaltung ist eine absolute Sauerei und nur wer da genauer hinsieht kriegt Würgegefühle bei Tiefpreisfleisch).

    Erkenntnis kommt selten, zuckt/zockt aber auch :-).

    Aber auch Machtausüben kann zum zucken führen und natürlich konsumieren – nicht alle Menschen ticken hier gleich… oder haben gleiche Chancen, gleichen Zugang zum Thema Glück bzw. Zufriedenheit und Eigenantrieb.

  3. Das Leben (auch das menschliche) passiert aber eher stolpernd und vorwärts (und man tritt auch mal in Shit und dass ist nicht immer nur der Shit der anderen). Verstehen tut man meist eher durch den Blick zurück in der Zeit (Kirkegaard). Vorstellen kann man sich viel und linear weiterdenken auch, passieren tut jedoch oft etwas anderes und auch mal Unerwartetes, disruptives.

    Wenn heute viel mehr Bullshit schneller verteilt wird als früher und damit Informationstechnik an menschliche Grenzen stößt, dann wird das Pendel bald wieder Richtung Mehr(wert), ausschlagen, individuell und gesellschaftlich, denn wahrer Shit kommt in die Kläranlage, wird entsorgt. Außerdem führt der Schrei, Schmerz und Hilferuf automatisch nach Automatik, sogenannter KI. So macht sich die Entwicklung selbst Probleme, die ohne sie gar nicht entstünden und Lösungen dazu drehen Entwicklung eben “nur” weiter. So oder so auch in etwa unaufhaltsam! So etwa, wie Wasser meist bergab fliesst.

    Aber sicher, wenn zu viele Menschen mit zu mächtigen Werkzeugen zu viel shit erzeugen, dann vermüllt die Welt und keine Kläranlage kann das noch bewältigen. Das wird sich einpendeln, sicher ist dabei ist allerdings nur meine Hoffnung! Es bleibt ein Trail&Error.

    Das ergibt sich schon aus der Komplexität unserer Vorstellungskraft Einzelner und der Power von knapp 10Mrd. Hirnen.

    Ein Loblied auf Errungenschaften wie etwa demokratischen Strukturen, die uns eben gewaltig von Tieren unterscheiden. Aber nicht unbedingt wertvoller machen. Das interessiert bestimmte Mächte oder menschliche Vorhaben jedoch wiederum kaum.

    Das faszinierende an sich ist die Entwicklung, die Neugier und die Kraft, die sie immer wieder neu bei Menschen entfacht.

    Generation für Generation.

    Selbst Dummheit oder Shit ist nur eine neue Aufgabe, die es im Normalfall zu bewältigen gilt. Mal ist die Chance dabei groß, mal das Risiko.

  4. Eigentlich wollte ich der Zuckung hier zu posten widerstehen, habe es nun trotzdem gemacht (gezuckt). Nicht zuletzt, weil wir Wahlen zu Europa haben.
    Natürlich zuckt es bei jedem mehr oder weniger stark, je nach Auslöser. Es ist aber bei jedem auch so, sich darum zu scheren oder auch nicht.
    Welchen Algorithmus haben sie? Ist er gut oder schlecht?
    Was für eine Frage, insbesondere wenn denken weh tut! wie hier im Blog verkündet wird. Schade um das Hirn!
    Ob man einen guten oder schlechten Algorithmus hat ist individuell schwer zu beurteilen. Wer soll das entscheiden?
    Eine gute Wahl wäre das Grundgesetz, gerade mal 70 geworden. Dazu noch eine Prise Gelassenheit und gesunder Menschenverstand. Das sollte fürs erste reichen.
    Trumpente Medien sind ja erst seit kurzem so benannt, aber schon lange Ursache der Zuckungen. Man erinnere sich nur an: Only bad news are good news! Wenn z.B. in den medialen Nachrichten 60% über Rechtspopulismus gesendet wird ist es doch nicht verwunderlich, dass sich die „Gezuckten“ daran orientieren. Schon Kanzler Schröder gab bekannt, dass BILD und Fernsehen die Politik bestimmen.
    Entlarvend ist auch die Feststellung von Karl Valentin: Es ist schon frappant, dass in der Welt gerade so viel passiert, dass es in 15 Minuten Nachrichten reinpasst.
    Persönlich halte ich es auch mit der Anwendung des „SWDA-Indexes“. SWDA steht dabei für „Schon wieder das Alte“. Da klicke ich schon präventiv nicht!
    Lieber Prof. Dueck, lassen sie die Zuckungen zu, aber reagieren sie nicht darauf, wenn Sie im Netz die Frage sehen „Sie glauben nicht, was hier gleich passiert“.
    Nicht klicken, gelassen bleiben.
    Ganz im Ernst: EUROPA-Wahlen sind kein Anlass zu extremistischen Zuckungen! Jeder sollte sin eigenes Hirn nutzen, nicht das von Anderen. Leider ist die Geschichte voll von Zweitem.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.